Elisabeth Hilfiker
  2002 nach Apulien (ITA) ausgewandert.

(371) Ankommen

Die erste Nacht im neuen Heim ‘Piccoli Cuti’ bringt keine Entspannung. Wie eine Diebin schleiche ich durch die kahlen Räume, die noch nicht die meinen sind. Aus dem Nebenzimmer schnarcht’s genüsslich.

Aufsehenerregende Hühnerställe

Ein grosses Hallo dann am nächsten Morgen, als auch unser Umzugswagen sein Ziel wohlbehalten erreicht (siehe auch letzten Bericht vom Mai 2002). Keine Schwierigkeiten am Zoll. Nur von den Hühnerställen seien die Beamten anfänglich etwas irritiert gewesen. Kann man ja verstehen! Was vor kaum 48 Stunden sorgfältig im geräumigen Lastwagen verstaut wurde, wird jetzt wieder ausgeladen, vorab die beiden Hühnerställe, die bei den hiesigen Helfern wahre Begeisterungsstürme auslösen.

Mein praktisch veranlagter Kollege bleibt noch für einige Tage, legt überall Hand an, bohrt und hämmert, installiert Elektrisches… Und als professioneller Supervisor hilft er mir, auch etwas Ordnung in mein inneres und äusseres Chaos zu bringen. Der Moment seiner Abreise prägt sich tief in meiner Erinnerung ein. Mit aller Härte und Gewalt wird mir erstmals wirklich bewusst, was ich da angezettelt habe. Aus das Spiel! Jetzt gilt es ernst.
Der „Ernst” zeigt sich bald darauf in Form einer von unten bis oben mit kleinen Steinen zugestopften Abwasserleitung im oberen Badezimmer. Wars Mutwilligkeit? Jedenfalls bedeutet es für uns Stunden akribischer “Grübeleien”, bis das Wasser wieder abfliessen kann.

Der neue Nistplatz

Zum Jammern bleibt allerdings keine Zeit. In zwei Wochen werden die ersten Feriengäste in der unteren Wohnung einziehen. Also schnell, schnell Vorhänge bügeln, die richtige Schachtel mit dem richtigen Geschirr finden. Alles abwaschen, die grosszügige Wohnung adrett einrichten. Diese profane Arbeit bringt mich zurück auf den Boden. Ganz behutsam beginne ich Besitz zu ergreifen von diesem fremden Haus um es zum Meinen werden zu lassen. Draussen einzigartige Blumenpracht, vielstimmiger Vogelgesang, blühende Olivenbäume, Sonnenschein. Frühling im Salento! Da kehrt auch meine Gelassenheit und Zuversicht wieder zurück und ich weiss, dass ich auf mich zählen kann.
Nach und nach finden sich die ersten “gwunderigen” Besucher aus der Nachbarschaft ein, meist ältere Bauern, die ihre umliegenden Felder und Olivenhaine pflegen. Als Begrüssungsgaben bringen sie mir frisches Gemüse, Salat, die ersten goldgelben Nespolefrüchte.

Ganzjährig im Sommerdomizil

Auch der der Altbauer Benito, der hinter meinem Haus eine Rinderweide hat, kommt mit seinen drei Söhnen zu Besuch. Ich serviere Kaffee nach Schweizermanier. Plötzlich herrscht unübersehbare Verlegenheit in unserer Tischrunde, die durch Alessandro, den ältesten Sohn, gebrochen wird: „Müsst ihr in der Schweiz am Kaffeepulver sparen? Ich kann dieses Zeug nicht trinken!” Unsere Blicke treffen sich und wir können uns vor Lachen kaum mehr halten. Vater Benito bleibt ernst und erklärt, dass jeder Mensch, jedes Volk seine Sitten habe. Die Einen würden den Kaffee dünn trinken und die Anderen stark. Demonstrativ hebt er seine Tasse zum Mund und trinkt das Gebräu in einem Zug aus. Damit ist der Grundstein zur ersten Freundschaft gelegt.

Mit Frauen komme ich anfangs nur spärlich in Kontakt, da mein Haus abseits in der sog. Campagna (auf dem Land) liegt. Aus alter Tradition besitzt fast jede Familie in der Campagna ein bescheiden eingerichtetes, kubisches Sommerhaus. Jeweils im Juni ziehen sie dann mit Sack und Pack in ihr Sommerdomizil um. Das bringt Leben in die Landschaft!

Hündchen sucht Frauchen

Aber nicht nur die Bauern haben meine Gegenwart wahrgenommen. Schon seit einigen Tagen ist mir ein streunender Hund aufgefallen, der seine Kreise immer enger um mein Haus zieht Und es kommt, wie es kommen muss, eines Tages sitzt er in meinem Garten.
Ich jage ihn weg. Er kommt wieder, sitzt ganz still und bescheiden an “seinem” Platz. Immer wieder. Jeden Tag. Alles in mir, die ich doch sonst ein grosses Herz für jegliches Getier habe, sagt NEIN. Ich fühle mich ausserstande, dieser elenden Kreatur jetzt beizustehen. Noch habe ich genug mit mir selber zu tun, muss ich meine eigenen Wunden lecken…

Dann freudiger Einzug der zwei erwarteten Frauen aus der Schweiz, einer Physiotherapeutin und einer Sonderpädagogin. Und wieder kommt es, wie es kommen muss! Richtig! Die beiden stürzen sich auf das bedauernswerte Hündlein und pflegen es mit Hingabe. Seine Fledermausohren werden mit Wattestäbchen und Johannisöl, seine Augen mit homöopathischen Tropfen und die 100 entzündeten Verletzungen mit Kamillenaufsud behandelt. Jeden Tag. Sachkundige Massage bringt dem lädierten Körper Linderung und Physiotherapie den schwachen Beinen Kraft. Dem Hund bekommt es gut und die beiden Damen reisen glücklich ob ihrem sozialen Werk und der schönen Ferien wieder in die Schweiz zurück. So komme ich unwillentlich zum liebenswürdigsten Hund der Welt!

Weiterführende Links

(370) Loslassen - und los gehts!

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Kommentare

  1. Catherine Beuret

    27.05.2009 6:57

    Liebe Frau Hilfiker, so gerne würde ich Fotos von Ihrem Anwesen und dem Hündchen sehen. Könnten Sie nicht Ihren Feriengästen sagen, sie sollen fotografieren und Ihnen helfen die Fotos ins Internet zu stellen. Ich liebe Ihre Berichte. Beim Lesen nehme ich wahre Gefühlsbäder, von Gruseln bis zur Euphorie. Ein ganz grosses Merci aus dem Charolais (Burgund).