Elisabeth Hilfiker
  2002 nach Apulien (ITA) ausgewandert.

(381) Tierisch Ernstes

Der Hund

Wie ich zu meinem Hund kam, habe ich bereits erwähnt (siehe früheren Beitrag), aber nicht, wie er zu seinem Namen und zu seinem Adoptivbruder kam. Mein Hund war für mich einfach „der Hund”. Das war sein „Name”.

Aus Hund wird Dingo

Am ersten Gartenfest, das ich für meine neuen Freundinnen, Freunde und Feriengäste veranstaltete, empörten sich darüber zwei junge Mädchen gar sehr!
Eilig erstellten sie eine Liste mit einer wahrlich imposanten Auswahl an Hundenamen, von welchen ich lediglich „Whisky” zensurierte. Von den 20 Gästen wählte die Mehrzahl den sehr passenden Namen „Dingo”.

Es zeigte sich bald, dass Dingo kein Held war. Auf unseren ängstlichen Erkundungsgängen in der uns noch unbekannten näheren und bald auch weiteren Umgebung warf er sich, sobald es etwas ungemütlich wurde, winselnd zwischen meine Beine. Oder schlimmer noch, er raste im getreckten Galopp nach Hause. Wie oft bin ich mit der „leeren” Leine in der Hand allein zurück gepilgert. Er war weder ein Kämpfer noch ein Beschützer, aber sehr, sehr umgänglich und treu. Im 4. Jahr starb er qualvoll an einer Pestizid-Vergiftung. Jemand hatte grosse Mengen davon in unmittelbarer Nähe meines Hauses ausgestreut. Das war eine ganz schlimme Erfahrung für mich… Zwei Jahre vor seinem Tod hatte er sich einen Adoptivsohn genommen, von welchem er sich nicht trennen liess. Also Hund Nr. 2, ausgesetzt wie so viele, von uns getauft auf den Namen „Pippino”, war ein lustiger, mit allen Wassern gewaschener Frechling. Er erkrankte an der hier weit verbreiteten Hundekrankheit „Lesmaniose”. Sie wird von infizierten Stechmücken hauptsächlich auf Hunde übertragen und verursacht ganz ähnliche Symptome wie die der Malaria. Noch gibt es keine spezifische Impfung dagegen. In der Nacht, bevor ich Pippino zum Einschläfern bringen wollte, hat er sich mit letzter Kraft davon gemacht. Wir konnten ihn nie finden!

Der Hase

Zu meinem Geburtstag schenkten mir die beiden Mädchen ein Zwerghäslein!! Als es gross genug war, siedelte ich es in den grossen Hühnerhof um. Es entwickelte sich gut, orientierte sich ganz und gar an den Hühnern. Das führte soweit, dass es, als es ein ER wurde, diese mit dem instinktiv mit dem dazugehörigen Hasenritual begatten wollte: Er umkreiste die auserwählte Henne rasend schnell, mit den Hinterbeinen trommelnd, er erst in grossen und dann in immer enger werdenden Kreisen. Dann sprang er auf, grad wie es kam, Kopf- oder Schwanzende, er war nicht wählerisch. Frau Huhn ging in die Hocke und plusterte sich dann nach getaner Arbeit zufrieden auf.
Mein Federvieh hat immer sehr viele Eier produziert. Der kleine Held wurde vom Fuchs erlegt.

Das Kalb

Auf der Rinderweide hinter meinem Haus war eine Kuh am Kalbern. Ich durfte dabei sein. Doch bald zeigte sich, dass das sehr junge Rind zu eng gebaut war. Das Kalb blieb zu zwei Dritteln im Mutterleib stecken. Vater Benito und seine 3 Söhne, einer davon Tierarzt, bemühten sich verzweifelt, zerrten, drückten und massierten, es ging nicht voran.
Obwohl bekannt ist, dass bei dieser Kuhrasse oft Gebärschwierigkeiten auftreten, waren keinerlei Vorbereitungen getroffen worden. Der Tierarzt musste zuerst in seine Praxis nach Tricase fahren, um die nötigen Instrumente und Medikamente zu holen! Der Kuh wurde in der Zwischenzeit gegen die Schmerzen reichlich Grappa eingeflösst. Als auch die Wehen fördernden Spritzen nicht halfen, erstickte das halb geborene Kälbchen und wurde, an einem Traktor mit Seilen angebunden, aus dem geplagten Mutterleib gezerrt. Dicke Tränen kollerten über meine Wagen, aus Mitleid mit der leidenden Kuh. Ihre Schreie kann ich nicht vergessen. Sie lag halb betäubt am Boden und als blutstillende Massnahme stopfte ihr der Tierarzt-Sohn sein verschwitztes T-Shirt in den Bauch. Es Sind keine groben Menschen. Auch nicht ungebildete. Auch nicht mittellose. Ich verstehe es nicht. Sie überlebte und hat mittlerweilen mehrere Kälber geboren.

Die Katze

Sie brachte vier niedliche Kinderchen zur Welt. Dingo und ich durften dabei sein! Und etwas unglaublich Ergreifendes spielte sich ab: Jedes Neugeborene wurde vom Hund in Empfang genommen und tüchtig geleckt. Die Katze liess es zu. Einige Tage später erkrankte sie an einer schweren Infektion im Uterus und musste operiert werden. Jetzt lag es ganz an mir und Dingo die Kätzchen aufzuziehen. Tag und Nacht alle vier Stunden, immer unter grosser Anteilnahme der Katzenmutter. Die ganze Familie inkl. Hund kuschelte im gemeinsamen Mutterbett. Glücklicherweise kam eine befreundete Familie mit zwei Töchtern in die Ferien. Sie haben sich an der aufwändigen Pflege hilfreich beteiligt. Wir alle haben überlebt!

Die Schildkröten

Die zwei Schildkröten, die mit den Hennen zusammen leben, haben keine Probleme!

Abschied

Das ist mein letzter Beitrag in dieser Blog-Stafette. Das Aufschreiben meiner Erlebnisse hat mir viel Spass gemacht, mich zuweilen auch etwas aufgewühlt. Haupsächlich aber hat es mir den Reichtum meines „Emigrantenlebens”, das nicht immer einfach, manchmal sogar etwas langweilig ist, wieder bewusster gemacht. Ich hoffe, dass etwas davon die mir unbekannten Leserinnen und Leser erreichen konnte. Richard, dir danke ich herzlich fuer deine geduldige Unterstützung!

Antonio Coduri aus Thailand, dem neuen Blog-Verfasser, wünsche ich ebensoviel Vergnügen, wie ich es hatte.

Elisabeth Hilfiker

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Kommentare

  1. Carlo Taeschler

    15.06.2009 7:43

    Liebe Frau Hilfiker, die Lektüre Ihrer Erlebnisse in Apulien hat mir viel Freude bereitet. Sie haben uns Lesern einen lebhaften Einblick in die Situation eines “spätberufenen” Auswanderers im Süden Italiens gewährt. Besonders beeindruckt war ich von der wunderbaren Sprache Ihrer Texte. Es würde mich freuen, bei Gelegenheit wieder etwas von Ihnen in diesem Blog zu lesen. Ich wünsche Ihnen noch viele erlebnisreiche (aber auch ruhigere) Tage in Ihrer neuen Heimat.

  2. Ingrid Stocker Spitzers

    16.06.2009 12:23

    Liebe Frau Hilfiker
    Was Sie bereits mit Ihren Tieren erlebt haben!
    Die Geschichte mit dem Kalb geht mir auch unter die Haut. Die Bauern sind da halt weniger empfindlich als wir.
    Ich hoffe, dass Ihre Katzen die Mäuse fern vom Haus halten und Ihnen auch Freude bereiten.
    Alles Gute
    Ingrid Stocker

  3. Irene Lü

    27.02.2011 21:50

    Habe mit grosser Freude die lebendige Beschreibung Ihrer Tiererlebnisse gelesen. Es geht mir ähnlich. Sass während Tagen mit einer Katze auf dem Schoss - sie hat überlebt und ist auf dem Weg zur Genesung.
    Hoffentlich schreiben Sie weiter. Ich würde mich auch sehr freuen Neues zu lesen.
    Liebe Grüsse vom Zürich-Flughafen Irene Lü

  4. esther Roth

    10.05.2012 12:31

    Geschichten, die unter die Haut gehen. Schreiben Sie weiter. Bleiben Sie am Ball. Im Namen der Namenlosen- ein herzliches Dankeschön.
    Herzliche Grüsse Esther