Catherine Beuret
  2005 mit vier Katzen ins Burgund (Charolais) ausgewandert.

(421) Leben auf dem Land

Nun wohne ich im Charolais, einer Gegend, welche von der Viehzucht lebt. Welcher Gourmet denkt da nicht an ein gutes Stück Charolais Fleisch. Es gibt hier keine Getreidefelder. Viele mit Hecken umrandete Weiden prägen das Landschaftsbild. Grosse alte Bäume, kleine Seen und Teiche, verteilt in der Landschaft, zeigen eine Idylle.

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Charolais: heckenumrandete Weiden (Bild: Catherine Beuret)

Es sieht aus wie in der Schweiz vor 50 Jahren oder wie die Engländer sagen: wie in England vor 40 Jahren.

Bunte Bergbaugebiete und Boote auf dem Canal du Centre

Die Bewohner sind entweder Viehzüchter oder arbeiten im 15 Kilometer entfernten Bassin Minier von Le Creusot, Montceau les-Mines, Montchanin. Dieses Bassin Minier mit seinen Kohlegruben hat seine alte Bedeutung verloren. Die Gruben sind geschlossen, die Familie Schneider, die Krupps von Frankreich, wohnt nicht mehr in der Gegend. Montceau les Mines hat das schwarze Habit abgelegt, und eine überwältigende Farbenfreude prägt das Stadtbild. Da gibt es rosafarbene Verwaltungsgebäude, daneben kann auch ein hellgrünes oder violettes Haus stehen. Die Fensterläden werden in einer anderen Farbe gewählt. Auf dem Canal du Centre schwimmen keine Lastenkähne mehr, da tummeln sich die Boote der Touristen. Der grosse Kühlturm eines thermischen Kraftwerkes steht neben riesigen verfallenen Fabrikhallen. Eine erst am 24. Juni 1854 gegründete Stadt sucht ein neues Gesicht.

Gegensätzliche Bevölkerung

Die Mentalität der Bewohner des Charolais könnte nicht unterschiedlicher sein. Hier der alte Bauernadel des Charolais, dort die Arbeiter von Montceau les Mines. Die einen alter französischer Abstammung, die anderen vor allem Fremdarbeiter aus Polen. In den Lebensmittelabteilungen der Supermärkte hat es noch heute ein grosses Angebot polnischer Produkte.

Wer gewählt wird, regiert

Ich war mir bewusst, dass ich in Zukunft in einem Dorf leben werde. Ich war mir auch bewusst, dass ich mich an eine konservative Lebensweise anpassen werde. Im Dorf gibt es eine Bäckerei mit Tante Emma Laden. Dann gibt es ein relativ grosses Geschäft, welches ebenfalls Brot verkauft. Also kaufte ich mein Brot in der Bäckerei und Anderes im anderen Geschäft. Der Entschluss war weise. Später stellte sich heraus, die Bäckersfrau ist eine graue Eminenz. Ihr Sohn ist Gemeinderat. Mehrere alte Häuser gehören Bäckers. Diese Häuser, auf das Einfachste eingerichtet, werden an noch einfachere Leute, spätere Sozialfälle, weitervermietet. Dann darf die Gemeinde deren Lebensunterhalt subventionieren. Bäckers gehören zur Partei des Maire (Gemeindepräsident). Der Maire dirigiert seit über 30 Jahren das politische Dorfgeschehen. Er hat die Unterstützung der Viehzüchter. Er ist selbst Viehzüchter und sein Bruder ebenfalls. Sein Bruder und er haben ein schwieriges Verhältnis. Ich bin diskret und erläutere hier keine Details. Die alte Mutter des Maire, eine Dame, mag ich sehr. Sie ruft mich oft zu sich rein. Habe ich eine Frage oder ein Problem, sind ihre Ratschläge immer wertvoll. Mit ihren über 90 Jahren löst sie schwierige Sudokus und Kreuzworträtsel. Von Zeit zu Zeit fahren wir zusammen zu einer Besichtigung. Ihre Geschichten und Erfahrungen sind sehr interessant.

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Das Restaurant Montchappa (Bild: Catherine Beuret)

Drei Jagdgesellschaften auf 470 Einwohner

In meiner Nachbarschaft befindet sich das Restaurant. Während mehr als 30 Jahren kochen dieselben Pächter dieselben alten französischen Speisen. Diese Pächter haben ebenfalls ein schwieriges Verhältnis zum Maire (Prozess). Es gibt noch weitere Prozesse, welche gegen die Commune geführt werden. Daher ist es auch klar: Gemeinsam geht man hier nicht auf die Jagd. So muss keiner Angst haben, einem geplanten Jagdunfall zu erliegen. Es gibt drei Jagdgesellschaften, bei 470 Einwohnern. Es gibt auch Geschichten von nächtens versetzen Marksteinen. Das Dorf verfügt auch noch über eine Tankstelle, aber keine Post. Die Kinder gehen nach der Grundschule in alle Himmelsrichtungen zur Schule. Am Morgen fahren alle halbe Stunde Schulbusse und holen die Schüler der diversen Stufen ab. Die sind dann ganztägig weg, das ermöglicht vielen Müttern, einem dringend benötigten Zweitverdienst nachzugehen.

Überraschende Festtage

Im ersten Jahr wurde ich immer wieder von Festtagen “überrascht”. Den 14 Juillet kannte ich. Wer kennt aber den 8. Mai Victoire 1945 oder den 14. November Waffenniederlegung 1918 (Kriegsende 1. Weltkrieg). Am 1. Mai erfolgen Überfälle von kleinen und grossen Verkäufern von Meierisli. Die Sträusschen sind selbstverständlich überteuert und oft haben sie die kleinen Verkäufer schon lange in den Fingerchen rumgedreht. An Sankt Nikolaus konnte ich keine Grittibänze und auch keine Chläuse sichten. An Weihnacht kommt der Père Noël. Der kommt eigentlich erst während der Mitternachtsmesse. Da sind alle in der Kirche und er kann geruhsam die Geschenke in den Socken am Kamin verstauen. Heute sind nicht mehr alle in der Messe. An Drei König sind die Bäckereien voll mit Dreikönigskuchen, den Galettes des Rois. Die sind aber gänzlich anders als in der Schweiz. Ich wage es fast nicht zu sagen, aber sie sind viel besser. Ich nehme immer die Variante Blätterteig mit Mandelcremefüllung.

Fazit zur Mentalität: Man muss Vertrauen in sie (die Politiker) haben, wir haben sie doch gewählt. Zitat der Frau des Bäckers.

Weiterführende Links
Canal du Centre
 
Grittibänze
   
Galettes des Rois

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