Elisabeth Hilfiker
  2002 nach Apulien (ITA) ausgewandert.

(380) Grazie a dio: ein neues Hüftgelenk

Leider war mir nie eine starke körperliche Gesundheit gegeben. Bei meiner Geburt lag ein Beinchen leicht verdreht im Hüftgelenk. Ein weiteres Übel waren schlecht ausgebildete Atemwege mit allen dazugehörigen Nebeneffekten. Eine frühe Diagnose, ich war ca. 25 Jahre alt, stellte mir eine Lungeninvalidität mit etwa 50 Jahren in Aussicht. Der Schock damals sass so tief, dass ich das ganz einfach verdrängte und die damit verbundenen Störungen ignorierte. Ich lernte damit zu leben. Die ersten Folgen haben sich schon frühzeitig in Form unzähliger Pneumonien und Arthrose-Erkrankungen bemerkbar gemacht.

In der Schweiz oder in Italien operieren?

Kaum war ich nach Italien umgezogen, bereitete mir das noch nicht operierte Hüftgelenk Schmerzen. Der Moment, in dem eine Operation unumgänglich war, kam unaufhaltsam auf mich zu. Grosse Frage: Soll ich für diesen Eingriff vorübergehend in die CH zurück kehren oder mich den lokalen Ärzten anvertrauen (siehe auch früheren Beitrag von Reinhard H. Ringgger)? Meine bereits gemachten Erfahrungen im hiesigen Spital waren nicht eben ermutigend. Andererseits hatte ich als eine im Ausland lebende Schweizerin kein Anrecht mehr auf die Krankenkasse, es wäre denn, ich hätte eine unerhört teure international anerkannte Privatversicherung.
Die konnte ich mir aber nicht leisten. Ich war und bin nur durch die staatliche italienische Krankenversicherung gedeckt. Zurück in die Schweiz hätte die Abmeldung in Italien, die Anmeldung im lieben Vater-/Mutterland, eine neuerliche Abmeldung nach dem Eingriff und der Rehabilitationsphase, eine Wiederanmeldung in Italien, mit dem ganzen Zirkus wie gehabt, bedeutet.

Gut vorbereitet ist halb operiert

Also entschied ich mich, nicht ohne Bange, zur Operation in Italien. Ich wählte eine Klinik in Lecce, die bis vor kurzem noch privat geführt aber zu eben diesem Zeitpunkt staatlich wurde und somit kostenlos war. Den Chirurgen, ein jüngerer Orthopäde mit Auslanderfahrung, kannte ich bereits.

Am Tag x lieferte mich meine Freundin Sonia in der Klinik ab, mit dem Versprechen, am nächsten Tag, wenn ich aus der Narkose erwachen würde, anwesend zu sein. Das gab mir Mut.

Ich nistete mich in meinem Einzelzimmer mit vielen Büchern und CDs gemütlich ein und begab mich auf einen Spaziergang in den Park.
Täuschte ich mich, oder rief da tatsächlich jemand nach mir? „Elisabettaaaa” erscholl es da ganz deutlich. Alle Menschen nennen mich beim Vornamen, weil „Hilfiker” einfach nicht in eine italienische Kehle passen will!

Jetzt aber subito

Es ist die Oberschwester die da ruft. „Elisabetta”, sagt sie ausser Atem, „ein Patient ist nicht zur Operation erschienen, das ganz Team und alles steht jedoch bereit. Dr. F. lässt fragen, ob Sie bereit wären für einen Eingriff jetzt gleich?” Ui, ui ui! Immer diese Entscheide! Ich sage zu.

Wir rennen buchstäblich in mein Zimmer zurück, wo die allernötigsten Vorbereitungen für die Operation getroffen werden und ein erster ärztlicher Kontakt zwecks Anamnese stattfindet. Glücklicherweise habe ich zu Hause - fein säuberlich und chronologisch genau - eine Liste mit allen wichtigen Erkrankungen, Unfällen, Behandlungen, bis zurück zu Vater und Mutter und Schwestern, in italienischer Sprache zusammengestellt. Ob das Intuition war?
Jedenfalls sind alle sehr froh und belustigt darüber. Die Zeit drängt, ich werde zur Eile angetrieben. Man lässt mir noch knapp Zeit, um meine Freundin Sonia zu benachrichtigen.
Und dann schlafe ich ein, ohne vorher meinen Chirurgen gesehen zu haben.

—— ——

Immer wieder taucht folgendes Bild auf: Ein uralter Kehrichteimer, Patent “Ochsner,” leicht verbeult und rostig.

Mit einem Bein im Ochsner-Kübel?

Ältere LeserInnen erinnern sich sicherlich noch an ihn und an sein patentes Deckelsystem! Aus weiter Ferne höre ich meinen Namen. Mühsam schlage die Augen auf und über mir sehe ich, einem Engel gleich, Sonias liebes Gesicht. „Ist mein Bein im Ochsnerkübel?” lalle ich immer wieder. Sonia versteht nicht, beruhigt mich, streichelt mich, ist da, die Gute. Sie hat sich nach meinem Anruf, direkt nach ihrer Arbeit, wieder auf den Weg nach Lecce gemacht. Die Operation und auch die nachfolgende Rehabilitation sind erfolgreich verlaufen. Grazie a dio!

Die Pflege allerdings war eher dürftig. In der Nacht kam niemand, um die frisch Operierten zu kontrollieren oder den Topf zu bringen, bis es zu spät war. Klingeln half nichts. Auch nicht, als die Gehilfin, die das Essen verteilte, das Tablett für mich unerreichbar auf den Tisch stellte. Zwei Stunden später dann die besorgte Frage einer Schwester, ob ich keinen Appetit habe. Doch, den habe ich nämlich immer!
Auch nicht, als ich erstmals auf die Bettkante gesetzt und dann vergessen wurde. Ein Nachbar hat meine Rufe gehört. Es war ein allabendlicher Kampf, dass mir jemand Wasser, Tüchlein und die Zahnbürste ans Bett brachte… Das lag aber nicht in erster Linie im Verschulden der Angestellten, sondern ganz klar an der Personalknappheit.

Dr. F. hatte mir seine Klinik als sehr fortschrittlich organisiert geschildert. Das Pflegesystem sei wie in der Schweiz, d.h., die Patienten müssten nicht mehr durch Angehörige versorgt werden. Ich habe das deutlich anders erfahren und überlebt!

Weiterführende Links

(186) Was passiert, wenn mir etwas passiert  
Patent Ochsner

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Kommentare

  1. Mariann Brunner

    14.06.2009 22:21

    Cara Elisabetta, nach einem intensiven Wochenende (Familienstellen!!) musste ich Dich noch besuchen im Careguide, resp. in Apulien.
    Die Hüftoperation, wie gut erinnere ich mich an Deine Schilderungen, jetzt konnte ich Deine Erfahrungen nochmals lesen. Heisse Geschichte. Und ich bewundere ich Dich so, was alles Du “am äussersten Zipfel” von Europa alles tust und erlebst. Heb e gueti Wuche, Mariann

  2. Ingrid Stocker

    16.06.2009 12:44

    Liebe Frau Hilfiker
    Bewunderenswert, wie Sie Ihre doch teilweise sehr unangenehmen Erlebnisse im Spital so locker beschreiben können. Es macht aber klar, dass die schlimmen Zeiten auch vorbei gehen und überlebt werden.

    Lieber Gruss
    Ingrid Stocker

  3. Elena Beckmann

    19.01.2010 13:57

    Liebe Elisabeth,
    was sagen dir folgende Sachen: Elena Tuluc, geboren in Moreni- Rumänien, Kinderheim Tuicani, un grossartige Erinnerungen und Erfahrungen die mein Leben immer noch bereichen.
    Habe letztes Jahr Max, Peter Moser und Rene besucht. Von Max habe ich die Webseite als Tipp bekommen und dich irgendwie zu erreichen.
    Ich würde mich sehr freuen auf eine Nachricht.
    Und liebe Elisabeth, wenn ich deine Berichte lese muss ich schon ein bisschen lachen. In Rumänien auf einer Insel wäre schon schlimmer gewesen.
    Ich hoffe sehr du erhälst meine E-Mail. Bis bald.