Elisabeth Hilfiker
  2002 nach Apulien (ITA) ausgewandert.

(377) Dazugehören

Integration und Sprache oder Sprache und Integration? Ich lese gerne, höre gerne den Geschichten anderer zu. Ich brauche Diskussionen, Dialoge, ich leite und besuche gerne Weiterbildungskurse, ich liebe und brauche den sprachlichen Ausdruck. Er bereichert mein Leben, meine Beziehungen.

Mit Scharaden spielend Sprache lernen

Im gleichen Mass, wie sich mein Alltag hier in Tricase Porto zur Normalität durchgemausert hatte, nahm ich das Fehlen einer stressfreien, differenzierten, spontanen, intelligenten, witzigen, informativen Kommunikation schmerzlich wahr! Von Anfang an stand Sprachunterricht fest auf meinem Prioritätenprogramm.
Enttäuscht musste ich dann feststellen, dass im näheren Umkreis keine Sprachschulen existieren, wie ich sie z.B. von der Schweiz her kannte. An einem Fest lernte ich Fredi, Sprachlehrer in der öffentlichen Schule, kennen und kam so zu einem Privatlehrer. Und was für einer! Ein sprühender, intelligenter, schauspielerisch begabter “Professore”, der liebend gerne Geschichten erzählte und diese gleichzeitig in urkomischen Scharaden zum Besten gab. Seine Lektionen waren unglaublich vergnüglich! Er lehrte mich aber nicht nur Sprache, sondern auch die Finessen des hier geltenden Sprach- und Verhaltenskodex ganz allgemein. Was tut man, was nicht; wie sagt man was, was sagt man nicht… Er lehrte mich, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören und lieferte mir damit ein wichtiges Werkzeug für eine gute Integration. Doch bald einmal verlor das Neue an Glanz und seine Zuverlässigkeit ebenfalls. Und schliesslich versandete das Ganze. Schade! Damals haben mich solche Verhaltensweisen noch tief verletzt. Heute weiss ich, dass ich sie nicht persönlich nehmen, nicht mit unseren moralischen Massstäben werten darf.

Der schwere Weg

Meine Alltagskontakte beschränken sich auf “Garten-Nachbarn”, Hundedresseur, Coiffeuse, die Frauen an der Kasse, die Marktfahrer, Handwerker… Die meisten sprechen den hiesigen, wunderschönen Dialekt. So sind spontane Möglichkeiten, sich Sprache live anzueignen doch recht beschränkt. Je länger ich dieses leidige Sprachproblem nicht in den Griff bekam, desto entmutigter wurde ich, und um so mehr mied ich Kinobesuche, geselliges Zusammensein in grösseren Gruppen, Lesungen… Natürlich haben sich meine Sprachkenntnisse erweitert. Je nach meinem Allgemeinbefinden leide ich aber immer noch mehr oder weniger stark unter dieser Problematik. Der Spracherwerb ohne eine natürliche, soziale Einbindung, z.B. am Arbeitsplatz, durch eigene Kinder, die zur Schule gehen, als Vereinsmitglied, usw. gestaltet sich nach meiner Erfahrung eher schwierig. Jetzt denken sie vielleicht, ich könne ja Bücher lesen. Klar tue ich das, aber auch wieder nur unter Fleiss und Einsatz, als Mittel zum Zweck sozusagen. Auch Zeitungen lesen oder TV schauen ist mit einem Berlusconi als Beherrscher aller öffentlichen Medien nicht die wahre Motivation.

Rat: Hausaufgaben machen lohnt sich

Ratschlag an alle, vor allem aber an ältere Menschen, die mit einer Auswanderung liebäugeln und nicht gerade eine der bekannten “Schweizerkolonien” bevorzugen: Tun sie es nicht, ohne über genügend Alltags-Sprachkenntnisse zu verfügen. Es bleibt ihnen viel Frustration und Enttäuschung erspart. Die handfeste Depression, die mich im zweiten Winter befiel, hatte ihren Ursprung nicht zuletzt in der sprachlichen Vereinsamung.
Depression war für mich bis anhin kein Thema! Auch das, eine neue, einschlägige Erfahrung.

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