Elisabeth Hilfiker
  2002 nach Apulien (ITA) ausgewandert.

(374) Nichts ist unmöglich, Toyota…

Einfach ist sie nicht, die italienische Bürokratie! Ich beabsichtige nicht, mich über Bekanntes zu äussern. Eher darüber, wie sie unseren Alltag beeinflussen kann. Es gab da einige Geschichten, die waren derart absurd, unglaublich komisch und wahr(!), dass ich Ihnen, liebe LeserInnen, wenigstens eine davon nicht vorenthalten möchte.

Italienische Bürokratie fordert alles

Eines ist klar, es braucht Durchhaltevermögen, unendlich viel Zeit, eine ordentliche Portion Gelassenheit, Fantasie und etwas Frechheit, wenn man sein Ziel erreichen will oder muss. Am alleraufwändigsten gestaltete sich für mich die Immatrikulation meines Autos. Die Fahrzeugprüfung z.B. gehört eindeutig in die Kartegorie „komisch”: Frühzeitig erscheine ich am besagten Datum am Schalter 3 auf dem Verkehrsamt, bekomme mein Ticket und reihe mich zwischen den wartenden Lastwagen ein. Nach einer Stunde ca. wird meine Nummer aufgerufen. Etwas aufgeregt manövriere ich den Wagen auf den Bremsprüfstand. Kurze Erklärung an mich Unwissende: Auf Befehl Vollgas geben; wenn die rote Signallampe aufleuchtet sofort eine Vollbremsung simulieren. Gesagt, getan, aber die Bremse funktioniert nicht. Noch einmal, wieder nicht!
„Wie sind sie überhaupt bis hierher gekommen? Ihre Bremse hat 0% Bremswirkung”! Ich wage, das zu bezweifeln, und nach langer Diskussion muss ich den Prüfstand wieder verlassen, weil dort offensichtlich ein technischer Defekt aufgetreten ist. Ein Mechaniker kommt, schraubt und macht und gibt sein Bestes. Dann bin ich wieder an der Reihe. Nichts geht! Ungläubiges Kopfschütteln. Herunter vom Prüfstand. Jetzt wir ein schwerer Kieslastwagen auf den Stand beordert. Es klappt!

“Machen wir es wie früher!”

Die Warteschlange hinter uns hat sich aufgestaut bis in die Hauptstrasse hinein, wo sich ein Verkehrschaos anbahnt. Allgemeine Ratlosigkeit herrscht. Da erscheint, fast scheu, ein ganz zarter, feingliedriger Mann, auch er wartet auf die Prüfung und fragt mich, ob der Wagen eine automatische Schaltung habe. Ja, das hat er. „Toyota-Automaten können mit diesem Systemen nicht geprüft werden” sagt er zum nächststehenden Beamten. Dann entschwindet er wieder.Überrascht schauen wir ihm nach. „Da hörst du es” triumphiert der Beamte. Jetzt werde ich trotzig! Sage, dass ich ohne das Prüfungs-Attest hier nicht weg fahren werde. Da ist guter Rat teuer. Die Rettung bringt uns die absolut geniale Idee eines Angestellten: „Machen wir es doch einfach wie früher!”

Monza lässt grüssen

Ich muss mich auf einer langen Teststrecke aufstelle. Spielregel: Wenn der Beamte mit einer Flagge das Startzeichen gibt: Losdonnern!! Beim zweiten Flaggenzeichen: Vollbremsung.
Jetzt wird es richtig spassig! Alle versammeln sich erwartungsvoll am Rand der Piste. Jemand schreit entsetzt: „Aber sie ist doch eine Frau!” (Keine Sorge, sie hat diverse Schleuderkurse absolviert!). Auf los gehts los. Lustvoll brause ich davon und hinterlasse zwei tiefschwarze Bremsspuren auf dem Asphalt. Der Geruch von verbranntem Gummi sticht in der Nase. Monza lässt grüssen… Mein Auftritt in der Arena wird von den Schaulustigen mit einem Riesenapplaus bedacht. Ja, machen wir es doch wie früher! Beim Wegfahren winken mir viele Hände nach. So farbig kann Bürokratie sein! Das Schöne daran ist, dass bei solchen Geschehnissen niemand das Gesicht verliert!

5 Personen mögen diesen Eintrag.

Keine Kommentare

Kommentare

  1. Catherine Beuret

    02.06.2009 6:54

    Absolut tolle Geschichte! Im Charolais musste ich nur eine Attestation de Conformité bei bringen. Das war aber auch nicht ohne. Ich durfte an Honda Paris (meine Marke) 100 Euro überweisen. Dann kam mal wochenlange nichts. In meiner Verzweiflung rief ich Honda in der Schweiz an. Die lieferten mir gratis innerhalb zwei Tagen den Attest. Am selben Tag kam aus Paris eine kümmerliche Kopie einer Kopie an. Selbstverständlich behielt Honda Paris meine 100 Euro. Den Betrag konnte ich unter Entwicklungshilfe abbuchen. !

  2. Catherine Beuret

    02.06.2009 6:56

    Nochmals ich. In Frankreich, so erklärte man mir, fahren nur Leute Automaten, welche den linken Fuss nicht mehr gebrauchen können.

  3. Ingrid Stocker

    02.06.2009 11:23

    Liebe Frau Hilfiker
    Zusammen mit meiner Tochter, die mit Pfingsten bei uns war, habe ich Ihre Geschichte über die Fahrzeugprüfung gelesen. Die Tränen sind uns vom Lachen über die Backen gelaufen, bei jedem nächsten Satz immer mehr. Dies ist wahrlich ein Erlebnis mit viel Komik, die vor allem durch die lustige Art wie Sie es beschreiben, zum Ausdruck kommt. Da haben wir unsere Lachmuskeln für heute gut trainieren können.
    Ich bin gespannt auf Ihre weiteren Geschichten, die Sie so toll beschreiben.

    Liebe Grüsse aus der Bresse
    Ingrid Stocker