Elisabeth Hilfiker
  2002 nach Apulien (ITA) ausgewandert.

(369) Annäherungsversuche an mein Domizil

Die Tage und Wochen nach dieser surreal anmutenden Nacht, in welcher ich ein (ja: mein!) Haus käuflich erworben hatte, erlebte ich wie im Traum (siehe letzten Beitrag). Albtraum oder Märchentraum? Es war ein Wechselbad von unbändiger Freude, lähmender Angst und lustvollem Tatendrang.

Wenn Engel (mit-)reisen

Den ersten Annäherungsversuch an mein Haus machte ich in Begleitung meines Freundes am sonnendurchfluteten Ostertag des Jahres 2001. Im vollgestopften Kleintransporter, den wir zu möglichst günstigen Bedingungen gemietet haben, tuckern wir gen Süden. Eine Reise, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Das erste Malheur geschieht noch auf der Alpennordseite. In unserer Rumpelkabine wird es heiss wie in einer Sauna. Die Heizung heizt auf höchster Stufe, lässt sich nicht abstellen.
Wir schwitzen und sitzen im Durchzug. Keine Garage ist geöffnet. Vor dem Gotthard-Tunnel schneiden wir die Heizkabel mit einer Beisszange entnervt entzwei.
Kurz nach Milano reisst uns ein Knall, laut wie ein Gewehrschuss, aus den Gedanken. Ich befinde mich auf der dritten Überholspur der dicht befahrenen Autobahn, gerate ins Schlingern, realisiere gleichzeitig, dass Pneufetzen - schwarzen Vögeln gleich - durch die Luft flattern. Doch da müssen auch einige Schutzengel mitgeflattert sein! Irgendwie gelingt es mir, das schwere Gefährt zwischen Lastwagen und Privatautos hindurch auf den Pannenstreifen zu manövrieren.
Uffa!

Pannenhilfe der unerfreulichen Art

Erstaunlich schnell erscheint der Pannendienst. Wir lassen uns von den wortkargen Männern auf den Abschleppwagen hieven. Auf einem abgelegenen Abstellplatz mit halb verfallener Werkstatt endet unsere Reise vorerst. Die Retter fahren in einem Auto weg. Wir warten. Eine Stunde, zwei Stunden, niemand kommt. Wir haben Hunger… Irgendwann erscheinen zwei düstere Typen mit einem dreck- und erdeverklebten Pneu ohne Profil aber mit vielen Gummiflicken. Ich will diesen Pneu nicht, ich will weg hier! Es ist unheimlich. „Dann musst du zu Fuss gehen. Es sind nur ca. 18 Kilometer bis zum nächsten Dorf” höhnt der Eine. Wir kochen vor Wut und Machtlosigkeit und bezahlen zähneknir-schend einen weit überrissenen Preis. Nur weg aus dieser Situation, die jedem Krimi Ehre gemacht hätte. Es dämmert bereits. Mein Freund hat Migräne, ich sitze am Steuer. Nach 60 Kilometer knallts …siehe oben. Ein hilfsbereiter Mechaniker will wissen, wer diesen Pneu montiert habe. „Ach, schon wieder diese Banditen! Niemand getraut sich, gegen sie vorzugehen.” Jetzt denken Sie, liebe Leser, meine Fantasie sei wohl mit mir durchgegangen?! Ist sie nicht komplett…

Provisorium

Mit einem Tag Verspätung und seelisch etwas aufgeweicht stehen wir vor meinem künftigen Domizil.
Im oberen Stockwerk liegt seit 14 Jahren der Bauschutt. Eine Übergangslösung für warmes Wasser und eine provisorische Küche müssen erstellt, die Wohnung notdürftig eingerichtet werden. Zeitraubende Gänge auf verschiedene Ämter zwecks Auskünften bezüglich Anmeldung und der Immatrikulation meines Autos runden das Programm ab. Dann Rückreise in die Schweiz, nicht ohne Panne: Jetzt reisst der Keilriemen! Am Gotthard schneit es. Es ist kalt. Die Heizkabel…

Die Autoverleihfirma zeigt sich grosszügig, übernimmt Hotelspesen, Material- und Arbeitskosten und schenkt mir einen Blumenstrauss.

Heil dir Helvetia

Das unvergessliche Jahr 2001 neigt sich dem Ende zu. Ich habe gelernt, in der Unsicherheit zu leben. Ich habe gelernt, mit der anfänglichen Freude und Bewunderung seitens meiner Mitmenschen und deren nachfolgenden Zweifeln an meiner Zurechnungsfähigkeit zurecht zu kommen: „Ausgerechnet du, mit deinen gesundheitlichen Problemen”? Ja, ausgerechnet ich! „Hast du dich über die medizinische Versorgung erkundigt?” Ja, Habe ich. „Und du glaubst, diese Einsamkeit ertragen zu können?” Weiss ich nicht! Und meine 99 Jahre alte Mutter: “Genügt dir unsere liebe Schweiz nicht mehr? Glaubst du, irgendwo da unten dein Glück eher zu finden?” Nein, glaube ich nicht! Heil dir Helvetia…

Abschied überall

Der Alltag wird hektisch: Das gute alte Bauernhaus entrümpeln; die günstigste Umzugsfirma suchen, Versicherungsfragen klären, Berufstätigkeit abgeben, Transporte in das nahe gelegene Brockenhaus, Transporte vom Brockenhaus retour. Ich musste ja die zwei Wohnungen ausstatten. Der rundliche Mann im Brockenhaus bringt es auf den Punkt: “Sagen Sie, gute Frau, wandern Sie eigentlich aus oder ein?” Die gute Frau weiss es mitunter selber nicht mehr so genau.

Weiterführende Links
(368) Warum auswandern? Wieso Apulien?

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Kommentare

  1. 23.05.2009 21:01

    Liebe Frau Hilfiker - Es ist so spannend und so erfrischend Ihren Bericht zu lesen. Wie bekannt kommen uns die Erlebnisse vor - anders und doch so gleich !
    Mit herzlichen Grüssen Fritz Huber-Galli, Carignano

  2. Mariann Brunner

    29.05.2009 0:07

    Liebe Elisabeth, es ist spät in der Nacht, früh am morgen, ich musste Deine Berichte suchen - fand diese auch - wunderschön zu lesen……..bis ein andermal, liebe Grüsse Mariann