Hanspeter Zgraggen
  Seit 2003 mit Ehefrau Graciela in Nicaragua.

(364) Am siebten Tag sollst du ruhn…

Zwar fängt mein Sonntag “erst” um fünf Uhr früh an,  doch wie wochentags mit dem Sichten der Mails. Als gegen halb sieben der Berg der unbeantworteten “wichtigen” Mails noch immer nicht fertig abgetragen ist, entschliesst sich meine Frau, nicht mehr weiter auf mich zu warten und allein zur Messe in die Dorfkirche zu eilen. Nachdem ich die Mails endlich geschafft und unsere Haushündin Arabella kurz ums Quartier geführt und gefüttert habe, kutschiere ich unsere altersschwache Camionetta aus dem torversperrten Innenhof und fahre vor die Kirche. Gerade rechtzeitig. Die braven Kirchengänger strömen eben heraus - als eine der Ersten meine Frau Graciela.

Zum Frühstück Bohnen mit Kochbananen (Tostones)

Wir beschliessen, für einmal das Frühstück nicht selber zuzubereiten, da auch unser Hausmädchen seit gestern in den Ferien ist, sondern in ein aufs “Desayuno” - also aufs Frühstück - spezialisiertes Restaurant zu gehen.

Da ich inzwischen weiss, wie lange die Leute hier für die Zubereitung eines einfachen Essens brauchen, bestelle ich mir ein Erdbeerfrapee als Entree. Obwohl hier für diese herrliche Früchte Saison ist - sie werden in der weiteren Umgebung in einem auf etwa 800 m ü. M. gelegenen Hochplateau durch ein ausländisches Projekt in Plastiktunnels angebaut - bekomme ich statt frischen Früchten zu meiner Enttäuschung nur eines mit Aromastoffen.

Rund 0 (null!) Minuten warten wir auf den Service: Sofort kommen zwei junge, sichtlich unausgebildete Bedienstete und bringen auf zwei silberfarbigen Tabletts das hier typische Frühstück: Gallo Pinto und Tostones mit Tortillas.

Gallo Pinto ist hier die meistgegessene einheimische Spezialität. Arme Leute ernähren sich fast ausschliesslich davon. Egal ob als Frühstück, Haupt- oder Zwischenmahlzeiten! Das Gericht, das mir auch ab und zu hervorragend schmeckt, aber schnell verleidet, besteht im Wesentlichen aus weissem Reis und roten Bohnen. Nur vereinzelt wird auch Wildreis oder ein brauner Reis und / oder schwarze Bohnen dazu verwendet, obwohl die schwarzen Bohnen im Einkauf deutlich günstiger wären. Aus der roten Bohne wird hier neben Gallo Pinto oft ein Bohnenmuss oder eine Bohnensuppe hergestellt und aufgetischt, Letztere vor allem mit Schweinsspeckschwarte.

Tostones sind im Fett weich fritierte Kochbananenscheiben aus vollreifen Bananen. Dazu isst man einen meist etwas übersalzenen weissen Frischkäse oder eine Sauercreme aus Kuhmilch. Häufiger werden hier jedoch grüne Kochbananen verwendet: Diese kommen in Suppen, als eigenes Gemüse oder hart frittiert (ähnlich unserer Pommes frites) auf den Tisch.

Es geht nichts über eigene Tortillas

Tortillas, die kreisrunde flache Maisfladen, sind hier ebenfalls zu keiner Mahlzeit wegzudenken. Diese werden in fast allen Häusern täglich zubereitet, was zu den Hauptaufgabe einer Hausfrau in den einfachen Kleinfamilien hier zählt. Wer es sich leisten kann, stellt dafür eine Hausangestellte an, zu einem Monatslohn hier bei uns im Dorf um 1000 Cordoba - also etwa 50 US-Dollar. Diese Frauen gehen dann oft frühmorgens schon kurz nach fünf Uhr mit grossen Eimern oder Plastikschüsseln, welche sie auf dem Kopf balancieren, in eine der zahlreichen elektrischen Maismühlen im Ort oder in einem der umliegenden Weiler. Neben der wichtigen Arbeit ist das auch der Ort für Kommunikation, Klatsch und Tratsch, worin die Nicaraguaner wahre Meister sind. Zu Hause wird dann eine halbe Hand voll der Masse erst mit beiden Händen geknetet, zu einem runden Ballen geformt und dann auf Parafinpapier zur fertigen flachen Form gedrückt und geklopft. Das rhythmische Klopfen am Morgen aus der schwarzen Küche ist für mich jeweils wie Musik! Schwarze Küche deshalb, weil die Tortillas am Besten schmecken, wenn sie nicht auf dem Gasherd in der modernen Küche, sondern eben in der alten und russgeschwärzten Küche über dem Holzfeuer zubereitet werden.

Gallo Pinto appetitlich angerichtet

Auf unserem Sonntags-Frühstücktisch versteht es die Küchenfee, die Köstlichkeiten auch für das Auge schön zu arrangieren: Für Nicaragua eher ungewöhnlich. In der Mitte des Tellers platziert sie eine Spiegelei, welches sie in einer Herzform gebraten hat. Die Creme hat sie sie in kleine Kristallgläser gefüllt, wie wir sie als Schnapsgläser kennen. Die Kochbananen liegt schön geordnet auf dem Tellerrand und das Gallo Pinto hat sie erst in ein rundes, kleines Kuchenförmchen gefüllt und dann neben das Ei auf den Teller gestürzt. Das Auge isst bekanntlich mit.

Schade nur, dass die beiden Serviererinnen es nicht schaffen, die in der Küche bereits gefüllte Kaffeetasse heil an den Tisch zu tragen: Die beiden ersten sowie die nachbestellten Tassen stehen jeweils im Kaffeefussbad.

Für das doch recht gute Frühstück bezahle ich stolze 85 Cordoba. Zwar ist das umgerechnet “nur” 4.71 US-Dollar oder 5.52 CHF - doch ist es mehr, als einer meiner Taglöhner für acht Stunden harte Farmarbeit erhält.

Auch an diesem Sonntag habe ich zwei dieser Taglöhner auf der Farm. Weil Sonntag ist, müssen sie für den gleichen Lohn nur vier Stunden arbeiten. Sie sind damit beschäftigt, im oben auf einem der Farmberge liegenden Tiefbrunnen Wasser für unseren neuen Plastik-Pool zu schöpfen. Da die Handpumpe diese Woche durch einen herabfallenden grossen Ast in die Brüche ging, müssen die beiden das frische Nass mit Eimer und Seil aus einer Tiefe von etwa 18 m heraufziehen. Dann kippen sie den Kessel in den Brunnentrog, von wo aus wir einen rund 1000 m langen schwarzen Schlauch gelegt haben, in welchem das Wasser - von der Sonne angenehm erwärmt und so schon in der richtigen Badetemperatur - in den 5,5 Meter durchmessenden und 1 Meter hohen Pool fliesst.

Das Bad ist angerichtet

Ich nutze den doch ruhigeren Tag auf der Farm für das entspannende Schwimmen, reite auf einen kleinen Inspektionsrundgang über die 150 ha grosse Farm und pflege gegen Abend meine Moringa-Stecklinge sowie die rund 200 Geranienstecklinge im Jungblumen-Garten. Daneben bleibt Zeit, diesen Bericht zu tippen und einige weitere Arbeiten am Laptop zu erledigen.
Auch die Tiere wollen versorgt und gefüttert sein, am Sonntag jeweils von mir, da dann einer der beiden festangestellten Arbeiter abwechselnd frei hat.

Unser Mittagessen war übrigens wieder Mal eher schweizerisch: Servelas vom Grill - kürzlich in der Hauptstadt bei einem deutschstämmigen Metzger eingekauft - schmecken schon fast so gut wie in der Schweiz. Auch ab und zu ein Fondue oder ein Raclette - beide Käsesorten bekommen wir hier zu kaufen, wenngleich dies nicht sehr einfach ist - lassen wir uns ab und zu munden.

Nicaraguanische Spezialitäten: Nacatamales, Baho

Das Abendessen ist es dann wieder typisch nicaraguanisch. Eine Nachbarin bringt die bestellten Nacatamales (in Bananenblättern gedünsteter Maisteig mit Fleisch und Gemüse) - dazu speziell für mich ein paar Guirilas. Das sind etwas dickere Tortillas aus frischem und jungen Mais. Ebenfalls frisch auf dem Holzfeuer gebacken schmecken Sie mit halbhartem Weisskäse und etwas in Honigessig eingelegten Moringa-Blüten himmlisch.

Es gäbe noch ein paar weitere köstliche Spezialitäten hier in Nicaragua - so vor allem das Nationalmenue: Baho - eine Art Pot-au-feu mit Fleisch, Bananen und Gemüse. Auch das Vigoron ist sehr beliebt und schmeckt mir sehr. Für seine Zubereitung werden Schweineschwarten mehrere Stunden lang gegart, meist in einer “Schwatzküche” über dem Holzfeuerkochherd hängend, bis sie ihr Fett verloren und zu knusprigen Chips gworden sind. Diese werden dann über gekochte Maniokstücke gestreut und mit Kabissalat und einer würzigen Mischung aus Tomatenstücken, Zwiebeln, Koriander und Limonensaft serviert.

Im allgemeinen ist die Küche hier aber doch eher eintönig. Ich versuche deshalb mit dem Vorleben eines guten Beispiels auch meinen Mitarbeitern, Familienangehörigen und Nachbarn vitaminreiche Zusatznahrung schmackhaft und bekannt zu machen. Dazu schreibe ich jetzt auch ein neues Buch über die Moringapflanze (siehe auch früheren Beitrag), das später auch auf spanisch übersetzt werden soll. Darin wird es auch eine Reihe eigener Menüs und Rezepte mit der so vielseitigen Pflanze, die sowohl Heilpflanze, Zusatz- wie Hauptnahrung für Mensch und Tier sein kann, zu finden geben.

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  Frühstück mit Honig (Bild: Hanspeter Zgraggen)

Weiterführende Links
Gallo Pinto
Nacatamales
(359) Meine Moringa-Mission

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Kommentare

  1. 13.05.2009 7:40

    Hoi Hanspeter

    Weiter so - in Dir steckt wahrlich ein Poet.
    Mit Deinen ausgewählten Berichten kannst Du auch plegmatische Menschen zur Höchstleistung motivieren

    Dein Freund in der Schweiz
    Walter vom Uetliberg