Eduard Meister
  2003 mit Ehefrau Milka nach Zentralserbien (SRB) ausgewandert.

(346) Eine abgesagte Diplomreise und ihre Folgen

Wie immer im Leben bedarf es eines Zufalls. Als sich die Studienkollegen auf kein gemeinsames Ziel für die Diplomreise einigen konnten, wurde auf diese verzichtet. Das passte mir gar nicht und so entschloss ich mich kurzerhand für einen individuellen Ausflug als Studienpraktikant im Ausland.

Studienpraktikant im jugoslawischen Staatsbetrieb

Die Studentenaustauschorganisation IAESTE bot mir drei Stellen an: in Kanada, Grossbritannien und Jugoslawien. Da die Reise selber zu finanzieren war, entschloss ich mich 1970 für letztere. Ich kam also nach Smederevska Palanka in einen staatlichen Industriekonzern, welcher Eisenbahnwagen, Brücken, Silos, Industriehallen usw. herstellte. Mit erheblichen Sprachproblemen konfrontiert klammerte ich mich damals an jeden Strohhalm, denn ein Dolmetscher war nur während der Arbeitszeit greifbar. Aber es gibt ja noch die Freizeit. Also suchte und fand ich eine nette kleine Serbin, welche in der Schule etwas deutsch gelernt hatte. Ein Jahr später, 1971, ich hatte in der Zwischenzeit das Studium abgeschlossen, kam Milka zu mir in die Schweiz, wo wir heirateten und eine Familie gründeten. Wir wohnten die ganze Zeit in Brugg im Aargau und dachten eigentlich nie an Auswanderung.

Zu alt, zu teuer, überqualifiziert

Als ich im Januar 1993 rezessionsbedingt meinen Job verlor, begann ein erstes Erwachen und Umdenken. Ich war seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn immer in der Softwareentwicklung für technische Anwendungen tätig. Anfangs entwickelte ich Realtimesoftware für numerische Steuerungen, dann die Telexvermittlungszentrale für Swissair und Austrian Airlines, dann die Taxizentrale Zürich und auch ein Produktionsplanungssystem für KMUs kam dazu - also alles Vorzeigeprojekte. Aber ich blieb elf Monate ohne Job. Der Tenor aller Absagen auf meine 120 Bewerbungen war durchwegs: zu alt (46 Jahre), zu teuer und überqualifiziert. Ab 1994 fand ich dann ganz zufällig Unterschlupf in einer Maschinenfabrik, welche Blechbearbeitungsmaschinen für Isolationsbetriebe herstellte. Dass grosse finanzielle Abtriche mit dieser Lebensphase einhergingen und gleichzeitig der Sohn am Berklee College of Music in Boston, und die Tochter an der Humboldt Universität in Berlin studierten war für den Kontostand auch nicht wirklich förderlich. Im neuen Job stieg auch die Stressbelastung stetig an, zumal ich als einziger Akademiker in der Firma immer mehr Aufgaben zugeteilt bekam.

Umzug ins “Armenhaus Europas”

Da begannen wir langsam darüber nachzudenken, wie unsere Zukunft denn aussehen könnte. So weitermachen und mit 65 - sofern das unter solchen Bedingungen überhaupt zu erleben war - von AHV und Pension den Lebensabend so recht und schlecht bestreiten, in einem Hochpreisland? Milka zögerte lange: Aber was willst Du denn im Armenhaus Europas, einem Land ohne Perspektiven, gezeichnet von Wirtschaftsembargo und Krieg? Man muss dazu sagen, dass sich Milka mittlerweile in der Schweiz so gut eingelebt hatte, dass es für sie schwer sein würde, den erworbenen Freundeskreis aufzugeben. Ich meinerseits war aber von der Gastfreundschaft der serbischen Bevölkerung, die ich in etlichen Ferienbesuchen erfahren durfte, sehr angetan, und egozentrisch gedacht, schwebte mir ein Leben ohne Stress vor, für das ich etliche Abstriche zu machen bereit war.

Wie weit reichen AHV und Pensionskasse?

Der Zufall hatte auch diesmal seine Hand im Spiel: Zufällig fanden wir 2001 ein wunderschönes Haus, man kann schon fast von einer Villa sprechen, das in Smederevska Palanka zum Kauf angeboten war. Nun begann die Rechnerei: Kann man am Zielort von der AHV allein leben? Genügen die ausbezahlten Pensionskassengelder für Investition und Überbrückung? Milka war skeptisch und ich optimistisch, denn als Amateurfunker hatte ich schon immer regen Kontakt zu anderen Schweizerkollegen, welche im Ausland lebten, und holte mir stets wichtige Informationen und Erfahrungsberichte von überall her. Milka war zwar bereit, das Abenteuer mitzumachen, glaubte aber im Innersten nicht daran, dass ich es realisieren könnte, weil mir ja für den Hauskauf das Kapital fehlte, da die Pensionskasse ja erst beim Abmelden aus der Schweiz ausbezahlt würde. Das war eine Zwickmühle: ohne das Haus kein Auswandern und ohne Auswandern kein Geld und somit kein Haus. Aber wie immer im Leben findet sich eine Lösung. Meines Bruders Schwägerin, eine alleinstehende Lehrerin und Weltenbummlerin ohne Vorurteile, hat sich spontan bereit erklärt, das Objekt zu besichtigen und mir allenfalls den Kaufpreis vorzustrecken. Wow! Wir flogen zu dritt nach Belgrad, wo uns der Hausverkäufer mit seinem Wagen abholte.

Angebotenes Objekt

Unser neues “Häuschen” in Serbien (Bild: Eduard Meister)

Die Lehrerin war restlos überzeugt und vom Preis-Leistungsverhältnis überwältigt. Ein Wohnhaus dieser Schönheit auf 1823 Quadratmeter Land für weniger als 100′000 Franken, da müsst ihr zugreifen! Was wir auch taten. Dank den Beziehungen des Verkäufers und dem nötigen Kleingeld für die Anzahlung war der Kauf innert zwei Tagen perfekt, und wir reisten als stolze Hausbesitzer nach Hause. Wir erlaubten dem Verkäufer das Haus noch bis Ende 2002 zu bewohnen und planten die Auswanderung auf Ende Mai 2003. Dies teilte ich dem Arbeitgeber auch sofort mit, damit er anderthalb Jahre Zeit hatte, einen Nachfolger zu finden.

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Weiterführende Links 
IAESTE
Smederevska Palanka

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Kommentare

  1. EA3EHC

    02.04.2009 22:23

    Hola Eddy,

    habe natürlich mit Spannung auf Deinen ersten Teil gewartet und freue mich auf die Folgenden.
    Ich wusste doch von Anfang an, dass Du etwas zu erzählen hast, nur weiter so.

    Herzliche Grüsse
    Alfredo de EA3EHC

  2. Rene' Ringger

    14.04.2009 16:39

    OK, lieber Freund. Kompliment, so trifft man sich wieder im careguide. Teile deiner Lebensgeschichte kenne ich, lese aber mit Spannung und Freude wie und was du schreibst. Nur weiter so, die Leser sind dir sicher.
    Rene’
    IK7LQH