Heinz Tock
  Seit 1997 mit Ehefrau Marta in British Columbia (CND)

(301) Diskretion verjährt

(In dieser Stafette wirft der nach British Columbia (CAN) ausgewanderte Heinz Tock einen Blick zurück. Die Beiträge “Per Taxi auf Zeitreise durch die Autostadt Biel” hat Heinz Tock als junger Student und Taxifahrer aufgezeichnet).

Eine Hochsommernacht. Ich habe am Tech Ferien und fahre so oft als möglich Taxi, um meine Finanzen aufzubessern.

Besser als Schneeschaufeln

Das ist wesentlich bequemer als im Winter, als ich den Taxi-Ausweis noch nicht hatte und immer bei Schneefall zum Bahnhof eilte. Dort, in einem Büro auf Bahnsteig 1, war jeweils ein Vorarbeiter derjenigen Baufirma zu finden, welche die Schneeräumung im Bereich des Bahnhofs in Regie übernommen hatte.
Man gab dort seinen oder irgend einen Namen an und kam auf eine Liste mit Name und Zeit.
Dann ging man hinaus zu den Geleisen. Nun hiess es, “klug wie die biblischen Schlangen” zu sein. Die Dummen fassten Schaufeln, die Klugen einen Besen.

Wer einen Besen hatte, wurde eingewiesen für eine gewisse Anzahl von Weichen, je nach Schneefall.
Dort wischte man den Schnee heraus; geheizte Weichen waren noch Zukunft.
Wenn die Besatzung im Stellwerk die Weiche des Schnees wegen nicht stellen konnte, öffnete sie das Fenster und brüllte allerlei Obszönes in die Nacht hinaus.

Binsenweisheit: Der Zug ist stärker

Ich habe keine Ahnung, wie diese Arbeit sich mit den heutigen Sicherheitsvorschriften vertragen würde.
Damals wusste man, dass man einem Zug nicht im Weg stehen kann. Man stellte sich zwischen zwei Geleise, wenn ein Zug nahte und wandte dem heranfahrenden Ungeheuer den Rücken zu, damit der Fahrtwind einem nicht “unter den Mantel” wehen und fällen konnte.

Gegen Mitternacht wurde man ablösungsweise zu einer währschaften Suppe in das Bahnhofbuffet gerufen.
Liess der Schneefall etwas nach, so durfte man auch in einem der leerstehenden Güterwagen eine Pause machen. Was hörte ich doch da für Geschichten von diesen zum Teil eher den Randgruppen angehörenden Kameraden.
Geschichten aus dem Knast. Vom Knast in allen Teilen der Welt. Verschiedene Kumpel hatten Erfahrung aus der Fremdenlegion. Was ich da hörte, liess bei mir eventuell aufkommende Gelüste, diesen “Karriereweg” zu beschreiten, für immer vergehen.

Räubergeschichten

Geschichten von Seefahrten und von andern Abenteuern rings um den Globus.
Die meisten waren tätowiert, damals eine äusserst seltene Erscheinung. In der bürgerlichen braven Welt undenkbar.

Anderseits: Rauschgift existierte ganz einfach nicht. Zwar kreiste etwa eine Schnapsflasche, aber jeder wusste, dass man bei dieser Art Arbeit besser nüchtern
blieb.
Auch hörte ich hier niemals die primitiven Zoten, wie sie etwa im Militär Gang und Gäbe sind. Und niemals, absolut niemals, hatte ich den Eindruck, dass jemand an mir sexuell interessiert sein könnte.

Jeder rauchte, Pfeife, Stumpen oder Zigis; manche, insbesondere diejenigen, die zur See gefahren waren, kauten ihren Priem.

Etwa alle zwei Stunden erschien der Vorarbeiter und machte Appell. Wer nicht antwortete, wurde notiert.
Man überlegte es sich genau, uns nach Hause zu schicken!
Wo würde man mitten in der Nacht Ersatz hernehmen, wenn es wieder zu schneien begänne.

Der Lohn war grossartig. Diesen holte man jeweils Mitte der Woche in Vingelz auf einem Büro ab. Man nannte seinen Namen und quittierte für sein Geld.
Einmal arbeitete ich durch von Freitagabend bis Sonntag Mitternacht. Eine wahre Bonanza!

Mittsommernacht

Nun, wir sind hier in einer Mittsommernacht. Schnee und Kälte sind für mehrere Monate kein Thema.

Es mag gegen ein Uhr morgens sein. Ich stehe mit meinem Taxi in Poleposition, das Telefon läutet. Eine aufgeregte Männerstimme bittet mich inständig, rasch, bitte rasch, nach Worben zu kommen. Er stehe dort beim Bad bei der Telefonkabine.
Ich sage dem Mann klipp und klar, dass ich nicht kommen werde. Ich kann mir eine Blindfahrt nach Worben einfach nicht leisten.
Er fleht mich an. Er nennt seinen Namen. Ich kenne das Geschäft in Biel, auch wenn ich dort als Werkstudent nicht zum Kundenkreis gehöre.

Ich zögere. Schliesslich sage ich zu. Ich bin ja auch neugierig. Der Mann tönt wirklich verzweifelt.

Rasch fahre ich nach Worben und bin ungemein erleichtert, als ich bei der Telefonkabine einen Mann aufgeregt winken sehe.
Er steigt ein und seine Worte überschlagen sich fast. Ich solle Richtung Lyss fahren.
Er sei mit einer Freundin hier hinaus gefahren, den Silbermondschein zu geniessen.

Ein Bett beim Kornfeld

Sie seien über einen Feldweg in ein Kornfeld gefahren und hätten da angehalten.
Plötzlich habe er bemerkt, dass aus einem Reifen die Luft entweiche. Er sei zuerst überrascht gewesen. Als dann aber in rascher Folge alle vier Pneus ihre Luft verloren hätten, habe sich seine Überraschung in Besorgnis verwandelt.
Bis er seine Krawatte gerichtet hätte (!) und er ausgestiegen sei, hätten der oder die Unbekannten auch die Scheinwerfer zertrümmert. Seine Begleiterin hätte da schon einen Schreikrampf gehabt.

Draussen wäre niemand zu sehen gewesen und auch mit der Taschenlampe hätte er nichts sehen können.

“Es wallt das Korn weit in die Runde, und wie ein Meer dehnt es sich aus.
Doch liegt auf seinem kühlen Grunde nicht Seegewürm, noch andrer Graus…..”

Nun ja, Gottfried Keller hat dabei bestimmt nicht an einen mehr oder weniger braven Geschäftsmann aus Biel gedacht

Er habe seiner Freundin klar gemacht, dass sie zu Fuss zum nächsten Telefon gehen müssten. Doch mit all seiner Überredekunst sei es ihm nicht gelungen, die Frau aus dem Auto zu kriegen. Sie sei auf dem Hintersitz in Embriostellung liegen geblieben und habe geschrien.
Er habe sich schweren Herzens entschlossen, allein Hilfe zu holen.
Aus verschiedenen Gründen habe er sich für ein Taxi und gegen die Polizei entschlossen.

Testosteron - oder: Die Lage spitzt sich zu

Während er in knappen Worten das Geschehene schildert, sind wir in den Feldweg eingebogen.
Wir haben die Fenster offen und da hören wir zuerst ein Klirren und dann den Schrei einer Frau, der mir noch lange einen kalten Schauer den Rücken hinunter jagen wird.

Im Scheinwerferlicht erkenne ich jetzt das Auto. Ich halte an, ergreife meine starke Taschenlampe und ziehe meine kleine Pistole.
Ich renne zum Auto, der Mann hinter mir her. Die Frau ist halb angezogen auf dem Hintersitz, neben ihr ein kopfgrosser Feldstein. Das Heckfester ist zertrümmert.
Die Frau hat klar einen Nervenzusammenbruch.

Ich sehe niemanden, obgleich ich auch in das Kornfeld eindringe und überall herumleuchte.
Ich gehe zum beschädigten Auto zürück.
Der Mann versucht, die Frau zu beruhigen und will sie zum Taxi führen. Sie weigert sich, auch nur zuzuhören oder ihre Stellung zu verändern.

Bevor ich mir überlegen kann, was wir hier wohl tun könnten, schlägt der Mann ihr mit aller Kraft ins Gesicht.

Nichts Genaues weiss man nicht

Wie aus einer Trance erwacht die Frau, und nun will sie nur noch zu meinem Taxi und weg, weg von diesem Ort des Grauens.
Sie steigen beide ein. Völlig schweigend verharren sie bis zur angegebenen Addresse.
Dort steigen beide aus und der Mann bezahlt die Fahrt. Er gibt mir ein ungewöhnlich hohes Trinkgeld.

Ich weiss, was sich gehört. “Honny soit qui mal y pense”… (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…)
In der Zeitung fand sich kein Wort über das Ereignis, und ich sah auch keinen Grund, irgend jemandem von dem Vorfall zu erzählen.

Per Zufall sah ich den Wagen bei einem Autoabbruch. Ich ging hin und stellte fest, dass der oder die Unbekannten sich nach unserem Weggehen weiter um das Auto “bemüht” hatten. Kühlerhaube, Kofferraum und Dach waren komplett zerdeppert, alle Fenster eingeschlagen.

Von den beteiligten Personen habe ich weder je etwas gehört, noch diese je wieder getroffen. Viel später erfuhr ich aus einem Gespräch, dass der betreffende Geschäftsmann, schon lange im Ruhestand, mit seiner Gattin die “goldene Hochzeit” gefeiert habe.

Nach einem halben Jahrhundert glaube ich, die Geschichte erzählen zu dürfen, ohne jemanden in Verlegenheit zu bringen.