Heinz Tock
  Seit 1997 mit Ehefrau Marta in British Columbia (CND)

(296) Hellseherin hilft Suchhund suchen

(In dieser Stafette wirft der nach British Columbia (CAN) ausgewanderte Heinz Tock einen Blick zurück. Die Beiträge “Per Taxi auf Zeitreise durch die Autostadt Biel” hat Heinz Tock als junger Student und Taxifahrer aufgezeichnet).

Ein schöner Herbsttag. Wir haben am Tech Ferien, was mir Gelegenheit für eine volle Tagschicht gibt, von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends.Ich bin mit meinem Taxi in der Warteschlange als nächster an der Reihe, um je nach dem das Telefon abzunehmen oder einen Fahrgast zu laden.

Vermisster Zuchtrüde auf dem Spitzberg?

Der Zug aus Bern trifft ein, und eine Frau in ihren Vierzigern, sportlich angezogen und mit einer grossen Tasche, strebt zügig auf mein Taxi zu. Sie fragt, ob es in der Gegend einen “Spitzberg” gebe.
Ja, sage ich etwas verwundert, das gebe es. Sie will dorthin gefahren werden.
Zuvor wolle sie aber eine Karte 1:25′000 der Gegend kaufen. Das können wir im Vorbeifahren bei der Buchhandlung Mägli an der Zentralstrasse tun. Sie sagt mir, dass sie dort oben einen Jagdhund verloren habe und diesen an einem bestimmten Ort vermute.
Auf der Fahrt hinauf in die Ilfinger Matten erzählt sie die ganze Geschichte.
Sie sei Frau L. und züchte in Thun Beagles. Die Hunde seien gefragt, hauptsächlich als Begleithunde aber auch von Jägern.

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Beagle (Bild: animal-family.net)

Am Samstag sei sie mit ihrem Zuchtrüden mit einer Jagdgruppe in Magglingen unterwegs gewesen und habe ihren Hund jagen lassen.
Einige Male habe man den läutenden Beagle gehört und auch gesehen, aber der sei, im Gegensatz zu den andern Jagdhunden nicht zurückgekommen.

Beagle laut Hellseherin wohlauf aber hungrig

Schweren Herzens sei sie nach Thun zurückgefahren. Der Jäger, mit welchem sie befreundet ist, sei jeden Tag in der Gegend Magglingen/Twannberg herumgefahren, habe aber keine Spur des Hundes gefunden.
Sie habe nun eine Hellseherin angerufen und die habe ihr gesagt, dass der Hund auf einem “spitzen Berg” im Jura in einem grösseren Haus im Keller eingesperrt sei. Dem Hund gehe es gut, aber er habe kein Futter. Sie hätte herumgefragt und vom “Spitzberg” gehört. Sie habe Wasser und Futter bei sich und hoffe sehr, den Hund zu finden.

Auf der Höhe oben halte ich an und studiere die Karte. Auf dem Spitzberg gibt es nur ein grösseres Gebäude, einen grossen Stall. Sonst sind dort nur einige wenige Wochenendhäuschen.

Der Stall ist mit dem Vauxhall zu erreichen und wir steigen aus.
Das Gebäude ist leer und unverschlossen. Mit einer Taschenlampe rennt die Frau hin und her und ruft den Namen ihres Hundes. Alles bleibt still. Sie sucht nun verzweifelt nach einem Keller. Den gibt es nicht. Ich solle noch einmal die Karte studieren, fleht sie mich an. Ich kann kein anderes grösseres Gebäude finden. Wir fahren am ganzen Berg herum bis nach Lammlingen und Tessen. Immer wieder lässt sie mich anhalten und den Motor abstellen. Sie ruft und ruft…

Ein schmerzhafter Verlust

Dann fahren wir wieder zurück in die Ilfingermatten zu den Ferienhäusern.
Bei jedem Haus steigt sie aus und klopft und ruft. In einem Haus sind Bewohner und die zeigen sich etwas verwundert bevor sie die Geschichte hören. Nein, hier sei ihres Wissens kein Beagle vorbeigekommen. Frau L. weint herzzerreissend. Es ist nun schon Nachmittag. Sie sieht ein, dass es keinen Zweck hat, noch weiter zu suchen. Ich fahre die still vor sich hin weinende Frau zum Bahnhof Biel zurück.

Sie gibt mir ihre Karte. Falls ich etwas hören sollte, solle ich doch bitte…

Ich höre nie etwas von einem aufgegriffenen Hund. Gegen Jahresende rufe ich in Thun an. Frau L. hatte in der Zwischenzeit alle Gemeinden und Hundeheime in der Umgebung angeschrieben. Sie hatte darauf hin einen Anruf aus Ilfingen erhalten. Der Wegmeister hatte am Rand der Strasse nach Friedliswart ein paar Knochen gefunden, die von einem Hund stammen könnten.

(Anmerkung aus heutiger Sicht: Ich glaube, heute würde Frau L. eine DNA-Probe machen lassen, um sicher zu gehen…)

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Kommentare

  1. Catherine Beuret

    19.12.2008 10:11

    Tierbesitzer, wie ich, können die Gefühle der Frau gut nachvollziehen. Entsprechend seinen finanziellen Möglichkeiten wird halt alles unternommen. Merke, ich spende auch für Menschen und nicht nur das Münz im Portemonnaie.

    Freundliche Grüsse Catherine Beuret

  2. Ingrid Stocker

    20.12.2008 13:56

    Auch mir kommen fast die Tränen, wenn ich die Geschichte von Frau L. und ihrem Beagle lese. Das Leben ist manchmal eben hart.

    Liebe Grüsse
    Ingrid Stocker