Reinhard H. Ringger
  Seit 1986 mit Ehefrau Santa in Apulien (ITA)

(178) Villa Pazzi

Wenn man schon ein eigenes Haus bauen lässt, sollte es auch einen Namen haben. Als echter „Sennechäpli Bueb” fallen mir sofort Namen wie: “Mis Hüsli”, “Euses Paradisli”, und “Schwiizer Huus” als erstes ein. Für Italien wäre das eher ungewöhnlich, ja verrückt… Verrückt? Da kommt der Geistesblitz: “Villa Pazzi”, so nennen wir unser Haus, und so ist es auch angeschrieben. “Villa Pazzi”, übersetzt: das Haus der Verrückten oder Irrenhaus. Warum ? “Ihr seid ja ‘Pazzi’ (Verrückte), die schöne Schweiz zu verlassen und in den italienischen Süden zu ziehen”, hatten uns Einheimische immer wieder gesagt.

Verrückt - auch in Marmor

Da ritt mich der Humorteufel. Ich kaufte eine Marmorplatte und die entsprechenden Buchstaben und montierte das Ganze an die Torsäule am Eingang. Meine Frau war ja nicht gerade erfreut. Als ich ihr sagte, dass das nur ein Scherz sei und ich dann später den Namen ändern werde, war sie beruhigt. Inzwischen haben wir uns an den Namen gewöhnt und von ändern ist keine Rede mehr.

Pazzi

Da, wo die “Pazzis” (Verrückte) wohnen (Bild: Reinhard H. Ringger)

Überhaupt war ich in den ersten Jahren fast eine Sensation in der Region. 40 % der männlichen Einwohner waren als Emigrant in der Schweiz oder im Norden und sind dann heimgekehrt. Dass ein Schweizer seine Schweiz verlässt und in den Süden zieht, ist schon ungewöhnlich. Anlässlich meiner Einbürgerung und der Verleihung der italienischen Nationalität sagte der Bürgermeister: Es sei eine grosse Ehre für ihn und seine Mitbürger, einen Bürger des Landes, in dem ein grosser Teil der Taurisaneser Arbeit und Lohn gefunden hätten, einbürgern zu dürfen. Auch im Zivilschutz bin ich kein Fremdling. Der Präsident schaut bei den Sitzungen ständig auf mich und erwartet meine Zustimmung. Bei einem Vieraugengespräch sagte er mir: “Du mit deiner höheren Militärcharge und den Erfahrungen musst das ja alles wissen”.

Inzwischen voll integrierter Italiener

In der politischen Partei muss ich vielfach hören: “Ihr in der Schweiz kennt ja unsere Probleme nicht. Ihr habt die Banken, Uhren, Fondue und keine Arbeitslosen, aber deine Meinung interessiert uns schon”. Ihre Frage ob ich nicht in den Gemeinderat gewählt werden wolle, musste ich ablehnen. Mit meinen „Ehrenämtli” für die Auslandschweizer in meiner Umgebung bin ich genügend ausgelastet. Ich werde als Mitbürger behandelt und geachtet. Ich bin voll integriert und wenn ich ins Dorf gehe werde ich von allen gegrüsst. Natürlich habe ich Herzklopfen wenn ich mich der Schweizergrenze nähere. Und die Augen saugen alle Herrlichkeiten meiner Geburtsheimat auf. Nach ein paar Tagen aber bekomme ich Heimweh nach meiner „neuen Heimat” in Italien. Ich wohne nicht nur hier, sondern ich bin da zu Hause.

Zwei Schweizervereine allein in der Puglie

Laut Schätzung, die genauen Daten dürfen nicht bekannt gegeben werden, leben hier in der Puglie ca. 900 Schweizerbürger. Meistens Schweizerinnen, die ihren Mann als Arbeiter in der Schweiz kennen gelernt hatten und mit der Familie dann in die Heimat des Mannes gezogen sind. Hier in Apulien existieren zwei Schweizervereine. Einer in Bari und meiner in Lecce, dessen Präsident ich bin. Bei der Generalversammlung, dem Jahresausflug, der 1. August-Feier und dem Samichlausfest kommen wir zusammen und tauschen Erfahrungen aus, sprechen über Probleme und helfen, wenn es nötig ist, nicht nur mit Rat sondern auch mit Taten. An diesen Anlässen ergeben sich dann auch Freundschaften, die zu Geburtstags-Einladungen usw. führen.