Ueli Bugmann
  2008 mit Miriam nach Argentinien ausgewandert.

(388) Die Erde rot, die Haare blond

Am nächsten Morgen gibt es wirklich Media Lunas zum kleinen Frühstück (siehe auch früheren Bericht), sowie Pan Tostado, Pan casero dulce (marmelade), manteca (Butter), queso y fiambre casero, Kaffee oder Tee. Kosten: Doppelzimmer mit Nachtessen (je nach Menu) 340 Pesos. Zum einfach Rechnen: geteilt durch 3 = etwa 110 USD. Auch bekommt man wieder heisses Wasser für den Mate unterwegs und schon sind wir frisch gestärkt für die Weiterfahrt.

Hernando - Hauptstadt der Nüsschen

Wir fahren bis Santa Rosa, der Hauptstadt der Provinz La Pampa, und weiter Richtung Rio Cuarto im Norden, das bereits in der Provinz Córdoba liegt. Was für die Pampa die Schafe, sind hier die Rinder. Und Farmen, fruchtbare Erde, Mais-Felder, Soja-Felder. Nach Villa Maria sehen wir Felder, bei denen ich zuerst an Soja denke. Doch es sind Erdnussfelder, so weit man am Horizont sehen kann. Wir fahren durch Dörfer mit riesigen Raffinerien, die die Luft mit Erdnussöl verpesten. Die Erdnusshauptstadt heisst Hernando. 700′000 Tonnen werden pro Jahr auf einer Fläche von 240′000 Hektaren geerntet. Weltweit ist Argentinien die Nummer 2 im Export von Erdnüssen und ganz stolz darauf, dass mehr als die Hälfte der Ernte an die EU geht, die sehr strenge Normen setzt. Die Erdnüsse werden meistens als ganze Nüsse für Konditoreien und Bäckereien exportiert.
Mühsam überholen wir immer wieder Kolonen von brasilianischen Lastwagen, die mit Erdnussöl betankt Richtung Norden fahren.

Ländler-Überraschung

Unterwegs hören wir viel Radio im Auto. Leider haben die UKW-Sender manchmal sehr kurze Reichweite und auf Mittelwelle kommen immer nur Sender aus Bs As (Buenos Aires) welche uns wenig interessieren… Plötzlich staunen wir: Volksmusik aus Deutschland, der Schweiz und Italien. Wir hören eine ganze Stunde lang Musik aus Europa. Der Grund: Wir nähern uns der “Colonia Esperanza” in der Provinz Santa Fe, einer Kolonie, welche 1956 von Schweizern gegründet wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite des Río Paraná in der Provinz Entre Ríos gibt es mehrere deutsche Kolonien von Wolgadeutschen. Die Städte tragen Namen wie Diamante, Hasenkamp usw. Also schunkeln wir Colonia Esperanza entgegen. Leider lädt uns ein Gewitter nicht gerade zum Anhalten ein. Auffallend die sauberen und gut gepflasterten Strassen, die sauberen Gehsteige mit gepflegten Grünstreifen, schmucke Häuser mit wunderschönen Gärten, Blumenbeete, sogar Fussgängerstreifen (!) auf denen Fussgänger respektiert werden (!). Sogar der Rechtsvortritt wird eingehalten(!). Wir googlen später im Internet und finden Seiten mit deutschen Texten unter “Colonia Esperanza, Santa Fe Argentina” sowie “www.zingerling.com.ar” oder “roberto zehnder” (siehe auch http://www.patrimoniosf.gov.ar).

Auswandern vor 150 Jahren

Dort stossen wir auf einen Bericht von Hugo Zingerling, der 1855 in Basel aufbrach, mit dem Zug nach Mannheim fuhr, von dort per Dampfschiff nach Köln, weiter mit dem Zug über Brüssel nach Lille bis Dünkirchen. Am 7. November 1855 verliess er Europa mit dem englischen Schiff “Kyle Bristol” Richtung Rio de Janeiro und Buenos Aires. Zusammen mit 150 Personen - mehrheitlich Schweizer - verliessen sie den Hafen in Europa bei Schneegestöber. Auf der etwa drei Monate dauernden Reise begegneten sie nur zwei, drei Schiffen. Schnee sah Zingerling nie wieder in seinen Leben… Wir mussten schmunzeln, denn wir verliessen Hamburg ebenfalls bei einem Schneegestöber, kamen aber nach 20 Tagen in Buenos Aires an und Schnee sahen wir bereits einen Monat später zur Genüge wieder in Patagonien. Wir erlebten ohne Unterbruch gleich zwei Winter in Folge.
Die Auswanderer erreichten am 15. Januar 1856 Buenos Aires . Dann ging es mit dem Dampfschiff den Rio Paraná Richtung Norden bis Santa Fe. Von dort mit Ochsenkarren und zu Fuss. Das Gepäck wurde mit einem Boot auf dem Rio Salado befördert und endlich erreichten sie die jetzige Colonia Esperanza. Erdstrassen, viel Staub und eine fremde und unbekannte Welt eröffnete sich ihnen. Von den Einheimischen wurden sie laut Bericht sehr freundlich aufgenommen.

Zwischenstop im wilden Westen

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Miriam (Mitte) auf Besuch beim ältesten Bruder Juan Geier
und Ehefrau Nelida in Las Toscas (Bild: Ueli Bugmann)

Wir fahren weiter am Ufer des Rio Paraná nordwärts, vorbei an Reconquista, bis Las Toscas (Provinz Santa Fe). Dort wohnen eine Schwester und ein Bruder von Miriam. Eine Gegend, die ziemlich verlassen wirkt. Früher war sie bekannt für ihre Rinderhaut-Gerbereien. Nachdem der weisse und der rote Quebracho (ein Baum, dessen Holz nicht schwimmt) vollständig abgeholzt war, verliessen die Gerbereien die Gegend. In der Nähe liegt das Nest Villa Guillermina. Man müsste nicht mal die Leute verkleiden und schon könnte man einen Wildwestfilm drehen. Kulissen gibt es massenhaft…
Miriams Neffe hat Geburtstag, also freuen wir uns auf einen riesigen Asado, auch wenn an der Feier viele nicht eingeladene Mosquitos teilnehmen und selbst nachts die Temperatur nicht unter 32 Grad fallen will.

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Immer dem Río Paraná entlang - endlose Strassen
in der Provinz Corrientes (Bild: Ueli Bugmann)

Am nächsten Morgen nehmen wir die letzte Etappe in Angriff: immer dem Rio Paraná entlang durch die Provinz Chaco - eine sehr arme und von der Hauptstadt vernachlässigte Provinz - bis Resistencia (Chaco), über eine grosse Brücke über den Rio Paraná nach Corrientes (Provinz Corrientes), weiter über Itati, Ita-Ibaté (Wörter aus der Guarani-Sprache) immer schön dem Rio Paraná entlang, der die Grenze zu Paraguay bildet, entlang an endlosen Reisfeldern (Trocken-Anpflanzung), viel Sumpfgebiet (Esteros del Ibera) mit dementsprechenden Viechern in der Luft. Alle paar Kilometer Scheibe putzen. Mit den Mosquitos - gross wie Bienen - und anderen Insekten bildet sich ein schöner Matsch, bei dem Scheibenwischer nicht mehr mithalten.
Die Erde wird langsam rot (sehr eisenhaltig) und Miriam kommt ihrer Heimat immer näher. Ankunft in Posadas, der Hauptstadt der Provinz Misiones, dann Richtung Puerto Iguazu.

Im grünen Jardin America - die Erde wird rot und die Kinder blond

Die letzten 170 km nach Jardin America, dem Geburtsort von Miriam, führen uns durch eine liebliche Landschaft mit Mate-Anpflanzungen, Aufforstungen, Teefeldern, schnuckeligen Städten - alles rot angehaucht.

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Teeplantagen in Misiones (Bild: Ueli Bugmann)

Die Erde wird noch röter und gibt einen schönen Kontrast zum dunkelgrünen Urwald. Man sieht viele blonde Kinder aller Herren Länder. Es ist eine reine Einwanderungsprovinz mit Deutschen, Schweizern, Ukrainern, Polen, Tschechen, Jugoslawen, Russen, Japanern, Nordica (Schweden, Dänen, Finnen) und Arabica (sorry, wenn ich welche vergessen habe). Endlich erreichen wir nach beinahe 2000 km Aristóbulo del Valle, wo Miriam aufgewachsen ist. Das Städtchen liegt etwas höher in den Cerros (kleinere Erhebungen), ist von Urwald umgeben, gegen Abend angenehm kühler und dank der Höhe auch nicht so beliebt bei den Mosquitos. Dort werden wir von Miriams Nichte Norma, Ehemann Kuki und Naty - unser Patenkind - freudig mit einem grossen Hallo und einem Asado empfangen. Das wäre mal vorerst geschafft…

Weiterfühende Links  

(386) Reise nach Misiones
Santa Rosa
Aristóbulo del Valle

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4 Kommentare

Kommentare

  1. 06.12.2009 13:07

    Hoi zäme, ich habe Bilder von euch gefunden, ich bin total happy. So lange habe ich warum höhren wir nicht,s von euch beiden, ja habe mir ernsthafte Sorgen gemacht. Hoffe das ich irgendwann euche e-mail Adresse finde. Ganz liebe Grüsse Annarösli und Ruedi

  2. 06.12.2009 13:14

    Hoi zäme, ich habe Bilder von euch gefunden, ich bin total happy. So lange habe ich warum höhren wir nicht,s von euch beiden, ja habe mir ernsthafte Sorgen gemacht. Hoffe das ich irgendwann euche e-mail Adresse finde. Ganz liebe Grüsse Annarösli und Ruedi Gerade sehe das ich viele Fehler gemacht habe beim Schreiben, ich hocke schon so lange am Commpi, ich sehe alles doppelt.

  3. 10.12.2009 9:37

    Hallo Anna-Rösli und Ruedi, eure E-Mail-Adresse habe ich an Ueli und Miriam zur Beantwortung zukommen lassen.