Hanspeter Zgraggen
  Seit 2003 mit Ehefrau Graciela in Nicaragua.

(362) Wucher

Gestern Abend war wieder einmal Schweizer Abend. Wir drei Landsleute - Köbi Hoffmann, Beato Hug und ich trafen uns diesmal in Ocotal. Wenn wir nur zu dritt sind, wird nicht wie sonst der Schieber - sondern der Büter gejasst (siehe auch Jassregeln).

Statt Büter jassen etwas über das Kreditwesen lernen

Die anderen beiden lieben diese Jassart nicht ganz so wie ich - darum wird dann oft mehr diskutiert als gespielt. Zumal, wenn ein heisses Thema angeschnitten wird: Gestern das vom Geld-Leihen.Ausgelöst habe ich das Thema mit der Frage, wie sich die anderen beiden die Tatsache erklären, dass hier so viele Einheimische scheinbar alles haben - vom modernsten Auto, über Plasma TV, Internethandy und was sonst noch an Hightech. Die Antwort war schnell da: Kredite!

Offenbar leben hier viele Nicas auf Kredit. Das ist umso erstaunlicher, als die Banken sehr zurückhaltend damit sind und sehr hohe Zinsen verlangen. Ich habe selbst schon mal bei einem Engpass - als Hausumbau und Neuerwerb von Vieh anstand - angefragt, bekam aber nirgends Kredite, obwohl ich mich mit den bankenüblichen Zinsen von 35-38% per anno abgefunden hatte.

Es gibt auch einige soziale Einrichtungen - vor allem halbstaatliche Organisationen und ausländische Bankinstitute - welche deutlich günstigere Zinsen anbieten. Doch auch diese bewegen sich im Bereich von 20-30% p. a. und sind ebenfalls nur gegen gute Sicherheiten zu bekommen.

Erstaunliche Freundschaftspreise

Doch gestern Abend erfuhr ich von einer weiteren, mir bisher nur gerüchteweise zu Ohren gekommenen nicaraguanischen Gepflogenheit, dem privaten Kredithandel.

Zwar ist es Privaten vom Gesetz her verboten, Kredite zu vergeben oder für andere aufzunehmen, doch wird das anscheinend von vielen trotzdem gemacht.

So vergab einer am Tisch kürzlich einer sehr guten Bekannten - gegen Hinterlegung einer weit wertvolleren Landparzelle - ein Darlehen von 1500 US-Dollar zu 10%.

Ich staunte und fragte, warum so günstig?

„Günstig??” bekam ich als Gegenfrage zu hören und wurde aufgeklärt: 10 % pro Monat (!).

Ich glaubte erst, dass ich auf den Arm genommen werden sollte. Mir wurde aber versichert, dass dies unter Freunden ein absolut üblicher Ansatz hier sei.

Kostbare Dienste

Doch ich Greenhorn in diesem Bereich sollte bald noch weiter das Staunen lernen. Man erklärte mir, dass die besagte Bekannte das Geld nicht für sich aufgenommen hätte - sondern dies seit Jahren schon fast gewerbsmässig mache: Sie sei eine bekannte Kreditvermittlerin und lebe recht einträglich davon.

Ein wenig ungläubig fragte ich, wie das möglich sei, wenn sie schon 120% Jahreszins zu zahlen hätte.

Die Antwort verblüffte mich vollends: 20% verlange sie vom Endkreditnehmer - und da ich scheinbar mit offenen Mund und noch ungläubiger dreinblickte, bekam ich die Bestätigung: Ja, 20% im Monat müssen Leute hier in der Not akzeptieren, wenn sie von Nirgends einen Kredit bekommen!!!

0% Toleranz für über 240% Jahreszinsen

Ich rechnete still für mich: also mehr als 240% Zinsen im Jahr. Wahnsinn! Nun wird mir auch klar, wieso so viele Autos hier mit aufgemalten grossen Lettern durch die Gegend fahren: „Zu verkaufen”…

Zurück bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengegend: Bei solchen Wucherzinsen scheinen zwar ein paar skrupellose Personen ganz schön zu verdienen - doch die Betroffenen und vor allem Kleinkreditnehmer werden schamlos ausgebeutet. Ich bin absolut für freie Marktwirtschaft und Unternehmertum und staune immer wieder, wie hier in Nicaragua bei einer Arbeitslosenrate von etwa 70% doch recht viele sehr erfinderisch sind im Geldbeschaffen um über die Runden zu kommen. Doch diese Art Geschäft missbillige ich.

Seit einiger Zeit hat sich im Internet ein neuer Trend etabliert: Internationale Kreditplattformen - welche Kredite von Privatpersonen an Privatpersonen vermitteln und auch deren Abläufe überwachen.

Zwei davon habe ich mir angesehen:
http://www.smava.de/index.html
http://www.auxmoney.com/start/welcome.php

Weiss jemand von den Blogleserinnen und Bloglesern mehr darüber? Ich werde es mir zur Aufgabe machen, derartige Quellen wenigstens in meinem Bekanntenkreis hier zu verbreiten, um die oben geschilderten Auswüchse in Zukunft etwas eindämmen zu helfen.

Weiterführende Links
Jassregeln

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