Hanspeter Zgraggen
  Seit 2003 mit Ehefrau Graciela in Nicaragua.

(360) Feuer auf Helvetia

Vor rund vier Tagen brach es los: ein Grossfeuer auf unserer Farm „Finca Helvetia”. Schon am Vortag hörte ich von den Arbeitern, dass weit oben auf einem der drei farmeigenen Berge (aus Schweizer Sicht bessere Hügel mit einer Höhe von 900 - 1100 m, das Farmhaus liegt auf rund 350 m ü. M.) Rauch gesehen worden sei. Auch auf einem Hügel einer Nachbarfarm sei ein Feuer gesehen worden.

Jahreszeit der Waldbrände

Es herrschen - wie immer um diese Jahreszeit - recht hohe Temperaturen. Am Tag wird es oft um die 35 Grad, wobei das Thermometer auch mal gegen 40 Grad oder gar leicht darüber klettern kann. Dazu kommt oft ein böiger Wind, welcher Boden und Pflanzen rasch austrocknet. Alles ist derzeit braun, und die Bäume sind meist blattlos. Es herrscht grösste Waldbrandgefahr.

Auch das ein Grund, warum wir vor Tagen verzichtet haben, das gestorbene Pferd auf der Koppel zu verbrennen (siehe früheren Bericht)

Ich schaute recht besorgt auf unsere Hügel. Da aber kein Rauch mehr zu sehen war und ein Kontrollgang bis dorthin viel Zeit und Kraft kostet, entschloss ich mich, zum Tagwerk überzugehen, eine Fahrt in die Berge nach Ocotal Richtung Grenze zu Honduras beim Zoll Las Manos.

Gras gegen Mist

Die Fahrt war nötig geworden, da auf der Farm und in der Gegend wegen der extremen Trockenheit nicht mehr genug Futter für die Tiere vorhanden war. In der Gegend vor Las Manos wird auf etwa 1200 m ü. M. Kaffee angebaut, dazwischen Plátanos - also Kochbananen - und ein sehr hohes Gras, das sie hier „Taiwan” nennen. Die Besitzer der Kaffeeplantagen haben meist kein eigenes Vieh und sind daher bereit, dieses Gras zu verkaufen. Ich habe dieses Jahr mit einer einheimische Familie einen Deal gefunden: Ich liefere ihr für Dünger für die Plantagen in Form von Humus - das heisst sackweise Kuhmist, welcher von den Kühen zerstampft und so gut mit Erde vermischt ist. Im Tausch dafür bekomme ich das so heiss begehrte Futtergras. Natürlich habe ich grösseren Bedarf an Gras als sie an Mist - so muss ich dann halt doch von drei Fahrten zweimal in die Tasche greifen.
Da die Kaffeeplantage an einem Steilhang angelegt ist und das beste Gras unten am kleinen Fluss wächst, müssen meine Leute ein halbes hundert Mal den steinigen Weg raufklettern: Ich schaffe das selbst ohne Material kaum. Sie dagegen tragen jeweils noch riesige Bündel auf den Schultern.

Darum ziehe ich für diese Arbeit neben meinen Festangestellten jeweils 2-3 Taglöhner hinzu. Zum Lohn kommen dann eine kräftige Mahlzeit sowie die Benzinkosten hinzu. Eine recht teure Futterbeschaffung, welche sich nicht rechnet. Da ich jedoch meine Farm als Hobby betreibe und nicht davon leben muss, kann ich das gute Futter meinen Tieren gönnen. Sie danken es mir, indem sie mir viel Freude bereiten und mit ihrer kraftstrotzenden Gesundheit.

Es brennt - bei uns!

Zurück von dieser Tour sehen wir schon von weitem eine steil in den Himmel steigende weisse Rauchsäule. Beim Näherkommen erkennen wir, dass es noch schlimmer als befürchtet ist: Es ist unsere Farm! Insgesamt sind drei Feuerherde aus der Ferne auszumachen.

Schnell rufen wir per Handy die Feuerwehr. Für einmal ist dieses auch hier nicht mehr wegzudenkende Ding ein Segen. Oft wünsche ich dieses einst - noch in der Schweiz lebend und beruflich bedingt - auch von mir zu oft benutztes Gerät ins Pfefferland. Hier ist es geradezu zur Plage geworden. Von morgen bis abends hängt man hier am Taschentelefon und plappert ohne Sinn und Kostenbewusstsein, egal ob Gross oder Klein, arm oder reich. Arme haben meist für einen SIM-Chip irgendwo Geld aufgetrieben, das dann wiederum beim Essen fehlt.

Nach etwa zwei Stunden höre ich von Ferne das Martinshorn - ich stand die ganze Zeit bei der Farmeinfahrt und hoffte auf die vertraute Sirene des Löschzuges. Sonst scheint die Feuerwehr den halben Tag irgendwo laut lärmend durch die Strassen zu flitzen und der Ton tut mir manchmal richtiggehend weh in den Ohren. Heute aber sehne ich mich nach dieser Melodie!

Verstärkung nötig

Der Fahrer weigert sich, mit dem schweren Gerätewagen in die Farm einzufahren, da er befürchtet, dort nicht wenden zu können. So muss der Vortrupp den Weg bis zum Farmhaus und von dort weiter zum oberen Brunnen zu Fuss bewältigen. Beim Brunnen füllen sie ihre grossen Plastikrucksäcke mit Wasser und brechen sich auf zum steilen Aufstieg zum Feuerherd. Der Kommandant sieht schnell, dass mit diesen Geräten und der Minitruppe nichts gegen die rasch wachsende Feuerbrunst auszurichten ist. Über Funk holt er Verstärkung.

Mit einer kleineren Camionetta mit 4×4-Antrieb treffen bald darauf sechs freiwillige Helfer aus dem Ort sowie zwei uniformierte Unteroffiziere der hier stationierten Armeeeinheit ein. Sie haben schwere Äxte, Pickel und Schaufel bei sich. Weil unmöglich genug Wasser den Berg hinauf getragen werden kann, entschliesst man sich, einen Graben auf drei Seiten des Feuers zu erstellen und die gefährdeten Bäume so zu schlagen, dass sie gegen das Feuer fallen. Gegen oben lässt man das Feuer laufen, da dort bald die baumlose Zone mit Stein- und Fels beginnt.

Bitterer Augenschein

Hart müssen die zwölf Mann im steilen Gelände arbeiten und erst gegen 21.00 Uhr ist das Feuer weitgehend unter Kontrolle. Zwei der Mannschaft - etwas beleibtere Herren - geben schon vorher auf und kommen schwer keuchend und schweissgebadet ins Farmhaus. Unser Schwiegersohn hat derweil im Ort Brötchen, Cola und Mineralwasser beschafft, sodass wir den erschöpften Trupp wenigstens etwas verpflegen können. Ich erkundige mich nach den Kosten und erfahre, dass das von der Gemeinde bezahlt wird. Mit herzlichem Dank an die Helfer lassen wir die Tüchtigen nach Hause ziehen.

Zwei Tage schwelt das Feuer. Immer wieder lodern kleine Flammen auf und weisser Rauch - mal mehr, mal weniger - lässt uns mit besorgtem Blick nach oben schauen. Dann scheint es, als ob sich das Feuer endlich totgefressen hätte. Ich befehle meinem Festangestellten, den weissen Hengst zu satteln und steige nach Monaten wieder einmal selbst aufs Pferd. Meine schwere Diabetes verbietet mir das eigentlich, da jeder kleine Kratzer durch das dornenbuschige Bergland an meinen Beinen gefährlich eiternde und kaum heilende Wunden verursachen kann. Doch ich will den Schaden begutachten. Zwar schaffe ichs nicht ganz bis nach oben - auch der Gaul ist sichtlich überfordert vom steilen Gelände,

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Blick vom Brandplatz ins Tal (Bild: Hanspeter Zgraggen)

doch was ich von der oberen Weide aus sehe, reicht, um nur mit Mühe eine Träne zurück zu halten: Rund zwei Hektaren der besten und ältesten Bäume sind verkohlt (eine Eichenart, welche auch uns Privatwaldbesitzern nur mit Sonderbewilligung geschlagen werden darf und unter besonderem Schutz steht).

Nach zwei Tagen dann ein erneuter Schock: Wieder bricht das Feuer am Rand der Bresche aus, die Feuerwehr rückt ein weiteres Mal aus. Sie kann nicht verhindern, dass der Verlust von zwei weiteren grossen Bäumen mit einem Stammdurchmesser von fast zwei Metern registriert werden muss. Mein Herz blutet.

Oft war ich früher bei diesen alten Bäumen oben - habe sie berührt und mir in Gedanken vorgestellt, was sie schon alles in ihrem langen Leben erlebt haben. Sie haben mir „erzählt” von alten Indianergeschichten, den Kriegen hier und dem Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. Nun sind sie nicht mehr.

Ich bin traurig und denke unwillkürlich auch an das eigene Ende, das ja nicht mehr ganz so weit weg liegen kann. Vielleicht bekommt so das Unglück einen Sinn.

Weiterführende Links

(357) Das pralle Leben an der Panamericana

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