Alfredo Marti
  Seit 1998 mit Ehefrau Anita an der Costa Dorada (ESP).

(340) Feuerwehrmann im Hagel

Notizen vom Hagel-Sonntag am 18.9.2000.
Das habe ich wirklich noch nie erlebt! Also gestern Abend, so gegen 19.30 Uhr, hat man am Himmel schon eine sehr merkwürdige Stimmung feststellen können. Auch hat man es an der gesamten Atmosphäre einfach gefühlt und geahnt: Hagel liegt in der Luft. Der Himmel hatte eine ganz komische gelbliche Farbe, wie es einfach für ein Hagelgewitter typisch ist.

Eiskugeln, so gross wie Tennisbälle

Ich stand unter dem kleinen Vordach (überdachter Mittagsessplatz), als es losging.
Das erste Hagelkorn fiel mit einem Knall auf den Boden, wie wenn man einen faustgrossen Stein mit aller Kraft auf den Steinboden schmettern würde. Es folgte der zweite, dritte, anfänglich im Sekundentakt.
Die Grösse der Hagelkörner hatte ich zunächst nicht wahrgenommen. Mein erster Gedanke galt einfach allem, das noch draussen stand, von den Gartenliegen über die Tische bis zu den Blumenkisten usw. Dann der Blitzgedanke: die Solarplatten auf dem Dach! Ich wollte sofort losrennen, um diese Sachen an einen geschützten Platz zu bringen.
Dann ein Knall. Einen guten Meter vor meinen Füssen platzte eine Eiskugel auf den Steinboden und einige Eissplitter spürte ich schmerzhaft an meinen Schienbeinen. Jetzt erst wurde mir bewusst, was sich da eigentlich wirklich anbahnte. Richtige Eiskugeln platzten da auf den Boden. Sie hatten die Grösse von Tennisbällen, ich rieb mir beinahe die Augen, um zu sehen, ob ich träumte oder wirklich wach war.
Und da wollte ich wirklich nochmals hinaus gehen! Ich hatte Anita meine Absicht noch kundgetan und entsprechend war auch ihre Quittung. Inzwischen war mir selber bewusst geworden, dass dies ein echt lebensgefährliches Unterfangen sein könnte, und die mahnenden Worte waren nicht mehr notwendig. Ich konnte es aber nicht lassen, das schaurige Naturwunder von einem sicheren Ort weiter zu beobachten und hilflos der Zerstörung zuzusehen.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Und obwohl ich kein ängstlicher Mensch bin, muss ich gestehen, dass mir zwischendurch Angstschauer über den Rücken hochgekrochen sind. Es ist unglaublich, eine so zerstörerische Gewalt aus so geringer Entfernung mitzuerleben. Was da abgeht, wie die “Tennisbälle” einfach alles kurz und klein schlagen.

Gelernt ist gelernt

Auf dem Dach trommelten die Eisklumpen einen beängstigenden Rhythmus und die bange Frage stieg hoch: “Hält das Dach oder schlagen die Kugeln durch die Decke?” Endlich, nach endlosen Minuten, hörte der fürchterliche Trommelwirbel auf das Dach auf, und es regnete nur noch. Der grösste Teil der Blumen und Blätter war abgeschlagen und lag am Boden, wie mit dem Dreschflegel runtergeschlagen.
Erst jetzt nahm ich wahr, dass der Wasserstand draussen schon knöchelhoch gestiegen war. Das hiess: höchstens noch fünf Zentimeter, und das Wasser lief mir in die Funkbude und das Büro rein. Jetzt erwachte wieder der alte Feuerwehrmann in mir und die Gedanken fingen an, sich zu ordnen. Schon dachte ich wieder wie früher.
Also raus und rüber in die Garage und das in Badehosen und barfuss, denn es regnete jetzt in Strömen. Das Wasser war sehr kalt - kein Wunder, war doch die ganze Sache noch “on the rocks”: Gut die Hälfte des Wasser war bares Eis.
War doch gut, hatte ich noch einen Teil meiner Uniform behalten dürfen. Mit Gummistiefeln, gummierten Überziehhosen, beschichteter Jacke und altem Feuerwehrhelm bewaffnet erschien ich dann wieder auf der Bildfläche und befreite erst mal den Schachtdeckel vom gröbsten Eis. Was war ich froh, als der Petrus ein Einsehen hatte und nach einer Weile den Wasserhahn zudrehte. In letzter Konsequenz hätte ich sonst ein Loch in die untere Gartenmauer zu meinem Nachbarn schlagen müssen, sonst wäre tatsächlich Wasser auch noch ins Büro geflossen.

Naturgewalt

In der Zwischenzeit war es schon ziemlich dunkel geworden, und ich musste mit der Taschenlampe die Schäden mal ansehen. Beim Nachbarn sah ich, dass sein mit Eternit bedecktes Garagendach 15 bis 20 faustgrosse Löcher aufwies. Meine Fernsehantennen waren nicht mehr zu gebrauchen, sämtliche Kunststoffteile abgesprungen und auch Teile der Direktoren waren so stark abgewinkelt, dass man diese sicher nicht mehr richten konnte.
Beim Gästezimmerfenster sahen die Kunststoffrolladen aus wie ein Emmentaler. Der Baum im Innenhof, der sonst mit seinem dichten Laubdach Schatten spendete, sah aus wie im Spätherbst, vielleicht waren noch 20 - 30 halbkaputte Blätter daran. Hinten im Garten hätte ich heulen können, so, wie das da aussah. Praktisch die Hälfte aller Sträucher und Pflanzen war am Boden: Der schöne Gummibaum, welcher sich zu einem wahren Prachtexemplar entwickelt hatte, sah fürchterlich zerzaust aus, der Lebensbaum hatte die Hälfte seiner schönen Kränze eingebüsst. Selbst die so richtig robusten Alovera, denen sonst ja nichts anhaben kann, hatten gelitten. Die harten langen Arme waren runtergeschlagen und aufgerissen. Der ganze Rasen zeigt richtige Löcher von den Einschlägen.
Beim dem Spaziergang sah ich überall die Schäden, die der Hagel angerichtet hatte. Die meisten Eternit-Garagendächer waren beschädigt. Autos, die nicht in Garagen gestanden hatten, hatten eingeschlagene Fenster und die Karosserien sehen aus wie alte Waschbretter. Dachtraufen und deren Abflussrohre, Gartenmöbel, einfach alles, was Kunststoff war, war beschädigt.
Ich glaube, ich kann sagen, dass ich schon einige Gewitter erlebt habe (siehe unten), aber das hätte ich nicht für möglich gehalten. Aber eben auch das ist die Natur!

Wind fegt

Die Naturgewalten hatten wir bereits am 21. Dezember 1998 kennen gelernt. In dieser Nacht hatten wir einen Sturm mit 184 km/h hier. Wir waren bereits im Bett, als es auf einmal auf dem Dach stark rumpelte. Ich schaute nach und sah sofort die Bescherung: Nicht die Antenne, wie ich geglaubt hatte, war aufs Dach gefallen, sondern ca. 4 m Dachumrandung mit den Säulen, ich konnte es fast nicht glauben.

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Dachumrandung einfach weggeblasen (Bild: Alfredo Marti)

Ich kontrollierte daraufhin noch die Antennenabspannung. Sie schien aber immer noch sehr fest und sicher, und so ging ich wieder schlafen. Die erwähnte Antenne war keine gewöhnliche Fernsehantenne, sondern Bestandteil meiner Funkausrüstung. Ich hatte im Jahre 1984 noch die Morseprüfung für mein schweizerisches Amateurfunk-Rufzeichen HB9DHM abgelegt. Seit 1999 bin ich mit meinem spanischen Rufzeichen EA3EHC im Äther. Der Sturm heulte die ganze Nacht weiter, mit sehr starken Böen. Am Morgen bei Licht wollte ich mal eine Kontrolle machen und schauen, ob es noch weitere Schäden gegeben hatte. Es hatte noch einige gegeben! Als ich im Innenhof hochschaute, war da keine Funkantenne mehr, der ganze Mast war nicht mehr. Eine der vier Abspannungen hatte nicht mehr gehalten. Das hatte genügt.

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Da funkts nicht mehr (Bild: Alfredo Marti)

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